- „Arbeiten am Film mit Familie gut verbinden“
- Zum Nachhören und -sehen: Impulsvortrag Familienfreundliches Drehen
- Es geht um Vielfalt
- Die Sache mit dem Konsens
- Die Konsens-Filmproduktion
„Arbeiten am Film mit Familie gut verbinden“
Im Januar 20 25 lud mich Julia Mack vom Filmhaus Frankfurt (am Main) ein, an der Auftaktveranstaltung von „Konsens im Film“ im Oktober mitzuwirken. Ziel des Projekts sei es „Barrieren in der Filmbranche abzubauen und die Zusammenarbeit zwischen Filmliebhaber*innen und Profis inklusiver und nachhaltiger zu gestalten.“ Weiter hieß es:
Im Rahmen eines Veranstaltungswochenendes möchten wir mit Expert*innen und Betroffenen zentrale Herausforderungen wie Sprachbarrieren, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Inklusion diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze erarbeiten. Ihre Perspektiven und Ihre langjährige Erfahrung in der Filmbranche wären eine große Bereicherung für unsere Veranstaltung.
Vielen Dank! Natürlich habe ich sehr gerne zugesagt. Julia Mack ging im Laufe des Jahres in Elternzeit, die Veranstaltung fand natürlich trotzdem statt, unter Federführung von Felix Fischl, Philipp Mehler und Katrin Wollnik. Nicht an einem Wochenende sondern an einem Tag, dem 25. Oktober von 11 bis 17 Uhr im Frankfurter Salon.
Vom Filmhaus Frankfurt wurde die Ankündigung übrigens zusätzlich in „einfacher Sprache“ veröffentlicht, als Beispiel Fachfrau statt Expertin, das klingt doch gut? Ich habe gleich die einfache Sprache-Fassung in den Vortragstitel übernommen: Arbeiten am Film mit Familie gut verbinden – Familienfreundliches Drehen. Darin gab ich einen Einstieg in das Thema Familienfreundliches Drehen und stellte u.a. zwei von mir erstellte Informationsseiten zum Thema vor:
- ffd PQF – Ratgeber und Informationsportal zur Vereinbarkeit von Filmberuf und Familie https://ffd.proquote-film.de/
- Alles für die Filmfamilie – wie wollen wir arbeiten? https://filmfamilie.stieve.com/

Zum Nachhören und -sehen: Impulsvortrag Familienfreundliches Drehen
Hier mein Vortrag als Audio:
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Und hier als Video:
Es geht um Vielfalt
Es gab insgesamt drei Impulsvorträge passend zu den angekündigten Themenbereichen, wobei Sprachbarrieren um Migrationsgeschichte erweitert wurde. Hier in der Reihenfolge des Tages, die Aufzeichnungen sind im Titel verlinkt:
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- Impulsvortrag Familienfreundliches Drehen. Speakerin: Belinde Ruth Stieve, Schauspielerin und Expertin
- Impulsvortrag Migrationsgeschichte / Sprachbarrieren. Speakerin: Emina Smajić-Harff, Produzentin und Producerin
- Impulsvortrag Inklusion. Speaker: Jonas Karpa, Journalist und Vorstandsvorsitzender Vielfalt im Film
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Eigentlich ist das eher das übliche Lineup für eine Veranstaltung, in der es um diskriminierungsfreien Zugang und Vielfalt im Film geht. Das deuten auch das Logo (der blaue obere Bereich der letzten Abbildung) und die Webseite vom Filmhaus Frankfurt an:
Im Oktober 2025 hat das Filmhaus Frankfurt das Projekt „Konsens im Film“ gestartet, um Barrieren in der Filmbranche abzubauen und Zugänge für Personen mit Behinderung, Migrationsgeschichte oder familiären Verpflichtungen zu erleichtern.
Konsens-im-Film-Unterseite
Langfristiges Ziel ist ein Netzwerk zur Förderung der Teilhabe von migrantischen, behinderten und familiär geforderten Filmschaffenden – für die Region und darüber hinaus.
Auftaktveranstaltung-Seite
Also schon eine klare Positionierung..
Randnotiz: Jetzt könnte ich noch über Sprache sprechen, was ist mit dem Wort Behinderung, kann nicht so wie es hier steht auch eine familiäre Verpflichtung eine Behinderung oder Einschränkung sein, und was bedeutet überhaupt eine familiäre Verpflichtung oder wie es an andere Stelle heißt „familiär gefordert“. Das klingt ein bisschen bemüht, wie wäre es, konkret von Sorgearbeit (oder meinetwegen Carearbeit) zu sprechen: also von der Vereinbarkeit von Filmberuf und Sorgearbeit? Vielleicht ein Thema für einen anderen Tag.
Denn jetzt soll es noch um den anderen Schwerpunkt der Veranstaltung gehen:
Die Sache mit dem Konsens
Das Projekt hieß nicht „Vielfalt im Film“ sondern „Konsens im Film“. Aufgrund der leidigen Ereignisse der letzten Jahre und Jahrzehnte in der Filmbranche musste ich dabei zuerst an Konsens im Sinne von Einvernehmlichkeit denken, und umgekehrt an die vielen Fälle von Machtmissbrauch und sexuellen und anderen Übergriffen an Filmsets. Der hier gemeinte Konsens geht aber mehr in Richtung Basisdemokratie. Oder wie es das Filmhaus Frankfurt beschreibt:
„Ein wesentlicher Baustein ist die Einbindung von Coach Uwe Lübbermann und die Anwendung des Prinzips der Konsensdemokratie. Dabei werden Entscheidungen im Einvernehmen aller Beteiligten getroffen, wodurch Gleichberechtigung, Transparenz und Mitgestaltung gefördert und klassische Hierarchien abgebaut werden.“
Uwe Lübbermann hat vor vielen Jahren per Konsensdemokratie-Konzept ein Colaunternehmen gegründet, und wird nun ein Projekt vom Filmhaus Frankfurt zur Übertragung von Konsensdemokratie auf die Filmbranche begleiten. Das ist allein schon deshalb etwas ambitioniert, da er die Filmbranche nicht so wirklich kennt. Sein bei der Veranstaltung genannter Praxisvorschlag sah entsprechend vor, dass bei einem Dreh an Originalschauplätzen nicht nur Besitzer:innen bzw. Mieter:innen eines Drehort-Hauses informiert werden sondern sie und auch die übrigen Anwohner in einer Straße einbezogen werden und Mitsprache bei Entscheidungen erhalten sollen. Welche Entscheidungen das betrifft wurde nicht klar, es gibt leider auch keine Aufzeichnung seiner Ausführungen bei der Veranstaltung.
Eine Herausforderung für Konsensdemokratie in der Filmbranche sehe ich zum einen in der Größe der Projekte, denn bei kleineren freien oder z.B. Hochschulproduktionen geht es allein aufgrund der deutlich geringeren Zahl an Beteiligten – die sich zum Teil lange persönlich und oft bereits aus der Praxis kennen – auch jetzt schon basisdemokratischer / konsensmäßiger zu als bei 90 Minüter-Fernsehfilmen oder fiktionalen Kinoproduktionen mit mehreren hundert Beteiligten.Und zum anderen in der Laufzeit. Mit einer Handvoll Verbündeter ein Start-Up zu gründen und über Jahre zu vergrößern und weiter auszubauen geht vermutlich leichter per Konsensdemokratie, als direkt mit 200+ Menschen zu beginnen, und dann auch nur über den befristeten Zeitraum von einigen Monaten zusammenzuarbeiten.
Da ich zum Thema Familienfreundliches Drehen nach Frankfurt eingeladen war noch ein Gedanke dazu: es wäre interessant zu überlegen, wie per Konsensbildung eine Produktion familienfreundlich arbeiten bzw. dazu gebracht werden könnte. Die Maßnahmen sind in vielen Fällen mit Kosten verbunden – an anderer Stelle werden zwar Kosten eingespart, aber das hält sich nicht unbedingt die Waage. Könnten die Projektbeteiligten die Produktionsleitung oder Herstellungsleitung überstimmen und beschließen „Wir machen das jetzt so“?
Und betrifft der Konsens nur wirtschaftliche und organisatorische Aspekte oder auch künstlerische? Es ist ja oft schon problematisch genug, wie viele Beteiligte ein Drehbuch verändern können, sollen da noch mehr Mitsprache haben? Und was ist mit der Kamera bzw. Bildsprache, Stichwort Male Gaze? Kann eine Schauspielerin vorschlagen, dass eine bestimmte Kameraperspektive nicht verwendet werden darf? (ich denke da an den klassischen Täterblick auf ein weibliches Gewaltopfer). Greift die Konsensdemokratie auch bei Personalentscheidungen? Können alle bei der Zusammenstellung der Crew und den Besetzungen mitsprechen oder sogar mitentscheiden? Können per Konsensbildung der Status Pay Gap und der Gender Pay Gap innerhalb einer Produktion abgeschafft und Gagenobergrenzen festgelegt werden? Oder hört beim Geld die Freundschaft bzw. der Konsens-im-Film-Rahmen auf?
Ich bin in den Abläufen nicht wirklich firm, sie nahmen bei der Veranstaltung auch nicht so viel Raum ein. Aber ich erinnere, dass es nicht um Einstimmigkeit oder z.B. 2/3-Mehrheiten geht sondern dass etwas als beschlossen gilt, wenn niemand sein Veto einlegt. Falls das so ist, eine Filmcrew kann sehr groß sein; kann das Ganze noch funktionieren, wenn alle ein Vetorecht haben, oder bekommen das nur die Heads of Department? Ihr seht, es sind noch viele Fragen offen.
Das Filmhaus Frankfurt geht nach der Auftaktveranstaltung vom letzten Oktober zunächst in die Praxis; kürzlich wurde ein Projekt gestartet, bei dem neben der genannten Diversität auch der Konsensdemokratiegedanke zum Tragen kommen soll:
Die Konsens-Filmproduktion
Das Filmhaus Frankfurt führt dazu aus:
Die Arbeitsweise des Projekts beruht auf klaren Prinzipien: Entscheidungen werden konsensdemokratisch getroffen; Bedürfnisse der Beteiligten sollen berücksichtigt werden. Ein Mentor*innen-System ermöglicht, dass erfahrene Filmschaffende ihr Wissen teilen und Einsteiger*innen unterstützen. Der Produktionsablauf mit Budgetgestaltung, Drehplanerstellung und Drehabwicklung wird transparent gestaltet, wobei Hierarchien nur dort greifen, wo Sicherheit oder Haftungsgründe es erfordern.
Wieder bleibt offen welche Entscheidungen gemeint sind. Aber dazu, wie der Stoff ausgewählt und entwickelt wurde, gibt die Projektseite Auskunft, das lief sehr schnell ab:
Am 16.01.2026 gab es das erste Treffen der AG Drehbuch. Das Drehbuch mit dem Titel „Unsichtbar“ wurde von Autor und Produzenten Uğur Sofu vorgestellt und in der Arbeitsgruppe diskutiert. Die Arbeitsgruppe wird sich in Eigeninitiative mit der Weiterentwicklung des Drehbuchs beschäftigen und bis zum 8.2.2026 eine finale Fassung erstellen. (…)
Worum geht es?
Der Film erzählt die berührende Geschichte von Christoph, der nach einem Schicksalsschlag zurückgezogen lebt und durch die zufällige Begegnung mit Aylin – die unachtsam auf einem Behindertenparkplatz parkt – mit seinen eigenen Empfindungen und Grenzen konfrontiert wird. Was als Missverständnis beginnt, entwickelt sich zu einem stillen Austausch über Verantwortung und Menschlichkeit, bevor Aylins Tochter Selin eine unerwartete Geste setzt, die alles verändert.Inhal
Wie wurde bzw. wird das Team zusammengestellt, wie die Rollen besetzt? Auch das (erstere) ist relativ transparent: es gab mehrere Aufrufe, sich an der Produktion zu beteiligen, z.B. diesen:
Gesucht werden Menschen und Institutionen, die Lust haben, an einem Kurzfilm mitzuwirken – unabhängig von Vorerfahrung, Fähigkeiten oder möglichen Barrieren. Ob Kamera, Regieassistenz, Szenenbild, Organisation oder einfach Neugier auf kollektives Arbeiten: Alle sind eingeladen, Teil des Experiments zu werden.
Wie viele sich auf die Aufrufe oder beispielsweise auch direkt nach der Auffaktveranstaltung gemeldet haben und immer noch dabei sind weiß ich nicht. Aber in einer Filmproduktion gibt es so viele Positionen, dass eigentlich nicht gesagt werden muss „Sorry, Du kannst nicht mehr mitarbeiten, wir sind komplett“. Der Dreh ist für den Spätsommer d.J. vorgesehen, und formal bzw. verantwortlich sieht es so aus:
Der Kurzfilm ist eine Produktion von Uğur Sofu / SOFUMEDIA Film Production und wird extern begleitet vom Filmhaus Frankfurt mit seinem Projekt „Konsens im Film“.
Bei allen noch offenen Fragen ist dies ein spannendes Vorhaben, und neue Wege ausprobieren ist nie verkehrt. Wer weiß, vielleicht kann aus Frankfurt ein Impuls in die Branche gehen und etwas bewegen. Gleichzeitig hoffe ich, dass das Modell der Konsensdemokratie im Film in der Folge in größerer Runde diskutiert wird, also auch mit Sendern, Förderern, Produzent:innen und Produktionsfirmen von Langfilmen und Serien. Vielleicht ist das auch schon geplant für die Zeit nach diesem ersten Experiment. Man darf also weiter gespannt bleiben.
Vielen Dank ans Filmhaus Frankfurt für die Initiative, – und TOI TOI TOI und viel Glück für das Projekt!
Konsens im Film wird unterstützt von VG Bild-Kunst, Amt für Multikulturelle Angelegenheiten Frankfurt am Main. Das Filmhaus Frankfurt wird gefördert durch das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main Links für weitere Informationen zu Konsens im Film: www.filmhaus-frankfurt.de