Jahresbilanz der TATORTE 2025 und eine Empfehlung
Heute die Jahresendstatistiken für die 36 erstausgestrahlten TATORTE vom letzten Jahr, etwas verspätet, pardon.
Ich hatte zur TATORT-Sommerpause 2025 vermutet (TATORTE Sommer 2025 – Erstes Zwischenziel erreicht), dass sich die hohen Frauenanteile in den sechs Kerngewerken nicht bis zum Jahresende halten würden; – und tatsächlich ist das so eingetreten, wie schon in den Jahren zuvor:

Warum das so ist kann ich nicht sagen, dazu müsste ich beispielsweise wissen, wie darüber entschieden wird, wann welcher Tatort ausgestrahlt wird, oder zumindest wer das entscheidet, um nachfragen zu können. Stattdessen hier und heute:
- 36 TATORTE kurz und bunt: 6-Gewerke-Check und #2von6
- Exkurs: Alte Männer junge Frauen
- Neues Team, Chance vertan
- Demontage einer Dienstältesten inkl. Exkurs #waswennsieLEBT.
- Ein sehenswerter Fernsehkrimi
- Bonus: Erstes Halbjahr 2026
36 TATORTE kurz und bunt: 6-Gewerke-Check und #2von6
Seit 2013 gibt es mein Blog, die TATORTE werte ich rückwirkend seit 2011 aus. Es wäre zu hoffen, dass auch Tatortverantwortliche meine Analysen und Anregungen mitbekommen. Aber wenn ja, so hat es sich zumindest noch nicht nachhaltig ausgewirkt.
6-Gewerke-Check 2025
Die nächste Abbildung zeigt den 6-Gewerke-Check für die TATORTE 2025, in jedem Gewerk mehr als 50 % Männer, bei drei Gewerken sogar um die 80 % und mehr:

Montage war zu analogen Filmzeiten eine Frauentätigkeit, seit der Digitalisierung rücken Männer nach, Editorinnen kommen weniger zum Einsatz, vor allem im Kino. Bei Fernsehproduktionen sah das lange noch anders aus. Im 6-Gewerke-Check eines TATORT-Jahrgangs gab es hier immer die Frauen-Höchstwerte, bei manchen TAT-Orten, z.B. Wiesbaden, war es das einzige Kerngewerk, in dem überhaupt mal eine Frau beschäftigt wurde. Jedoch, 2024 fiel der Editorinnenanteil erstmals unter 50 %, 2025 für die 36 TATORTE sogar unter 40 %. Oh.

2025 arbeiteten bei den 36 TATORTEN insgesamt 12 Editorinnen und 17 Editoren, am häufigsten – je drei mal – Patrick Wilfert und Stefan Blau.
Auch für Ton und Musik sind die Frauenanteile 2025 wieder gesunken, nur bei Regie, Drehbuch und Kamera stiegen sie an, die letzteren beiden erreichten ungefähr die Höhe der Frauenanteile unter den Alumni an deutschen Filmhochschulen. Hier die Entwicklung der letzten zehn Jahre:

2024 war teilweise ein schlechter Jahrgang, neben Montage besonders für Regie, Drehbuch und Kamera. 2025 wurde das wieder etwas besser:

#2von6
Zur Sommerpause (siehe TATORTE Sommer 2025 – Erstes Zwischenziel erreicht) waren es drei TATORTE ohne Frauenbeteiligung in den sechs Kerngewerken. Im zweiten Halbjahr kommen hinzu: DUNKELHEIT und LICHT (5.10. bzw. 30.11,) die ersten beiden Fälle des neuen Teams in Frankfurt – mehr dazu später, DIE ERFINDUNG DES RADES (Münster 7.12.) und MUROT UND DER ELEFANT IM RAUM (Wiesbaden 28.12.). Es sind also insgesamt sieben Filme 2025 mit einer glatten 0von6.

Im 2. Halbjahr 2025 waren bei keinem Tatort Filmfrauen an vier oder fünf Kerngewerken beteiligt. Den einzigen TATORT mit 5von6 gab es im 1. Halbjahr, BOROWSKI UND DAS HUNGRIGE HERZ, Kiel 12.1.25.
„Immerhin“ schaffen mehr als die Hälfte der Filme #2von6, angestrebt sollten natürlich 100 % werden. Denn alle öffentlich geförderten Projekte sollten an zwei der sechs Kerngewerke Filmfrauen beteiligen, alleine oder in gemischten Teams, um den Frauenanteil auf unkomplizierte Weise zu erhöhen. Weiterhin – auch in dieser Hinsicht – dringender Handlungsbedarf besteht in Wiesbaden, und in die rosa Problemzone hinzugekommen ist das neue Team im knapp 40 km entfernten Frankfurt.
Exkurs: Alte Männer junge Frauen
Die Überschrift deutet es an, es geht um die Altersverteilung bei Regie und den erstgenannten Darsteller:innen, wobei ich als Grundlage das jeweilige Alter am 1. Januar 2025 nehme. Alle Angaben zur Vita laut crew united, die Vollständigkeit kann ich nicht garantieren.

Die jüngste Regisseurin (32) ist Milena Aboyan, ÜBERLEBE WENIGSTENS BIS MORGEN (Stuttgart 23.11.25) ist ihr zweiter Langfilm überhaupt, nach dem Kinofilm ELAHA (Premiere Berlinale 2023).
Die jüngsten Regisseure (42) sind Rudi Gaul und Stefan Schaller. Für Rudi Gaul war VERBLENDUNG (Stuttgart 19.1.25) sein siebter TATORT, sein erster, VIDEOBEWEIS, wurde 2021 ausgestrahlt. Für Stefan Schaller war DUNKELHEIT (Frankfurt 5.10.25) sein dritter TATORT, sein erster, DAMIAN, premierte 2018.
Die älteste Regisseurin (59) ist Maria Sólrún, BOROWSKI UND DAS HUNGRIGE HERZ (Kiel 12.1.25) ihr bislang einziger Tatort.
Der älteste Regisseur (74) ist Max Färberböck der auf insgesamt acht TATORTE kommt. Sein erster Fall war AM ENDE DES FLURS (München 2014). Für 2025 inszenierte er den Franken-Fall ICH SEHE DICH (14.9.25).
Einschub: ICH SEHE DICH (Buch Max Färberböck und Catharina Schuchmann) ist der erste Franken Fall nach TROTZDEM (Buch und Regie Max Färberböck), dem letzten mit Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), über den ich im Oktober 24 ausführlicher schrieb (Wer hat’s erfunden? First Case Scenario), In TROTZDEM gab es viele ,unwichtige‘ Tote, also Menschen die ermordet wurden aber kaum charakterisiert werden und wenn dann eindimensional negativ, wie z.B. die Figur Bettina Wölfel, aber auch die Ermordeten im Schlussshowdown, während die Kripoabteilung Sekt trinkt und Abschied feiert.
Diesmal hat Färberböck mit Schuchmann u.a. 15 vergewaltigte Frauen ins Drehbuch geschrieben, die entpersonalisiert nur als Zahl vorkommen. Warum nicht weniger Frauen, aber die dafür als Menschen? Dazu kommt noch eine Blinde, die beinahe Selbstmord begeht zu einem Zeitpunkt, als ihr Peiniger nicht mehr lebt. Und die Mutter von eben diesem Peiniger, die sich suizidiert, nachdem sie erfährt, dass ihr Sohn nach zwei Jahren Verschwundensein tot aufgefunden wurde. Warum, damit der Kommissar betroffen sein kann?
Hm. Zurück zum Alter.
Dass TATORT-Regisseurinnen und Regisseure sich bezüglich des Alters klar unterscheiden kommt bei jeder meiner Altersanalysen raus, wenn auch nicht unbedingt so deutlich wie hier. Ich müsste mal wieder eine Aufstellung machen, wer wie oft beim TATORT ,darf‘ (ich vermute, dass ab 60 kaum jemand seinen ersten bekommt, sondern dass das ,Stammregisseure‘ sind, aber wer weiß). Ein anderes Mal.
Und vor der Kamera? (auch hier beziehen sich alle Altersangaben auf den 1.1.25, und wer 2025 in zwei oder mehr TATORTEN ermittelt hat landet mehrfach in der Grafik)

Die ,Rentnercops‘ (Ü65) spielten 2025:
- Axel Milberg in Kiel (letzter Fall 16.3.25), 2 x
- Richy Müller in Stuttgart (ermittelt weiter), 2 x
- Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec in München (letzter Fall Ostern 26), 3 x
- Ulrich Tukur in Wiesbaden (ermittelt weiter), 1 x
- Corinna Harfouch in Berlin (letzter Fall 1.2.26), 2 x
Der von Ulrich Tukur (67) gespielte Kommissar wurde 5 Jahre jünger geschrieben als er, die von Corinna Harfouch (70) verkörperte Kommissarin 7 Jahre jünger als sie.
- Joe Bausch in der Dauernebenrolle des Gerichtsmediziners ist in Köln weiter dabei. Er wurde 2024 71 Jahre alt.
- Mechthild Großmann als Staatsanwältin Klemm in Münster hatte ihren letzter Fall am 7.12.25. Sie wurde 2024 76 Jahre alt.
Es folgen die 64 bis 65-Jährigen:
- Axel Prahl in Münster (ermittelt weiter), 2 x
- Klaus J. Behrendt in Köln (ermittelt weiter), 2 x
- Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser in Wien (letzter Fall angekündigt für Ende 2026), 3 x
Ich sollte einmal eine Altersanalyse der kompletten Ermittlungsteams anfertigen, nicht nur der Erstgenannten. Und außerdem die Drehbuchleute altersmäßig analysieren. Aber das sind Aufgaben für einen anderen Tag.
Neues Team, Chance vertan
Schon länger thematisiere ich, dass Ermittler:innen und Grundsetting für einen neuen TATORT-Standort bislang immer nur von Autoren erfunden wurden, noch nie von einer Frau. (siehe zum Beispiel Wer hat’s erfunden? First Case Scenario). Der Autorinnenanteil 2025 beträgt 43 %, es gibt sie also auch beim TATORT, schreibende Frauen. Alleine, zu zweit und in gemischten Teams:

Womit ich nicht sagen will, dass Autorinnen automatisch bessere Drehbücher schreiben oder schlüssigere Figuren entwickeln oder weniger aus männlicher Perspektive oder TATORT-haftig schreiben – ich komme später noch auf den Fall MIKE & NISHA, der von Annette Lober stammt. Mir geht es zunächst darum, dass alle Zugang zu den Futtertrögen haben sprich: für das bestbezahlte ARD-Format arbeiten können, theoretisch. Und trotzdem, was wäre, wenn eine oder mehrere Autorinnen ein neues Team kreieren?
Noch werden wir es nicht erfahren.
Die Frankfurt-Nachfolger von Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch), die in ihrem letzten Tatort ES GRÜNT SO GRÜN, WENN FRANKFURTS BERGE BLÜH’N mal eben per Autobombe in die Luft bzw. den Tod gesprengt wurden, heißen Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hasanović). Ihren ersten Fall LICHT haben sich Senad Hali lbašić und Erol Yesilkaya mit Regisseur Stefan Schaller ausgedacht, und damit die Charaktere, die Ausrichtung und das Setting vorgegeben; Azadi und Kulina ermitteln Altfälle / Cold Cases, ihr Büro liegt im tiefsten Keller des Polizeipräsidiums. Kulina ist emotional und Azadi ist .. seine Kollegin (Südwest Presse).
Die Vorgesetzte der beiden, Sandra Schatz (Julia Engel), wurde in der ersten Folge eingeführt, und wie es auf der Wikipedia-Seite zu DUNKELHEIT heißt (leider sind die ARD-TATORT-Seiten, auf denen z.B. die Teams vorgestellt wurden, offline und noch nicht durch etwas Adäquates ersetzt worden):
Ein zweiter Handlungsstrang beschreibt die Intrige der Vorgesetzten Sandra Schatz gegen ihre Mitarbeiterin Azadi. Sie hat den neuen Kollegen Kulina in dieselbe Abteilung platziert, um interne Ermittlungen gegen Azadi zu führen, weil sich Schatz mehrmals bei Bewerbungen nicht gegen sie durchsetzen konnte. Kulina soll Material sammeln, das Schatz gegen Azadi verwenden kann, um sich an ihr zu rächen.
Keine Ahnung, ob das so in der Folge vorkam oder ob das in irgendwelchen Presseunterlagen stand. Aber mal ernsthaft: Eine Intrige? Eine Vorgesetzte ist beleidigt, weil eine ihr untergeordnete Kollegin bei Bewerbungen erfolgreicher war? Was sollen das für Bewerbungen gewesen sein, Spielführerin im Betriebsvolleyballteam, Schatzmeisterin der Kaffeekasse? Schatz ist die Vorgesetzte, sie hat einen Job der höher in der Hierarchie und vermutlich auch im Gehaltsgefüge angesiedelt ist. Und sie hegt einen Groll gegen Azadi. Ist das diese berühmte Stutenbissigkeit? Wer denkt sich so was aus? Ach ja, Senad Hali lbašić und Erol Yesilkaya mit Regisseur Stefan Schaller. Peng.
Ansonsten ist glaube ich die einzig andere durchgehende Rolle Kulinas Mutter Emina (Gordana Boban), die mit ihrem Sohn nur Bosnisch spricht.
Problematisch fand ich zwei Frauenfiguren im 3. Fall, Almila Akad und Andrea Hofer. Da der aber erst 2026 gesendet wurde verweise ich an dieser Stelle auf meinen letzten Blogartikel Was wenn sie lebt,.
An alle, die jetzt sagen „Ist doch egal, ob es sich Männer oder Frauen ausdenken“: Tja, also wenn das egal ist, warum sind es dann immer nur Männer, die neue TAT-Orte, neue Ermittler:innen erfinden dürfen?
Und wie sind die beiden Neuen in Frankfurt so?
Azadi hat iranische Wurzeln und ist kompetent, kontrolliert und verschlossen, sie erinnerte mich ein bisschen an die kompetente, kontrollierte und verschlossene Ermittlerin in der Serie über das Busunglück (HUNDERTDREIZEHN). Sehr viel Persönliches hat das Publikum noch nicht wirklich über sie erfahren. Sie hatte glaube ich im zweiten Fall ein privates Telefonat geführt (mit ihrem Sohn?), vermutlich auf Fārsi. Zur angeblichen Schatz-Intrige gegen Azadi heißt es an anderer Wikipediastelle noch: „Außerdem vermutet Schatz, dass Azadi eigenen Ermittlungen nachgeht, weil sie sich auffällig oft im Zentralarchiv aufhält. Sie hält – dienstrechtlich problematisch – ein eigenes Archiv aus ausgesonderten Akten und Aktenkopien.“
Kulina, aus Bosnien-Herzegowina stammend, ist der emotionale. Seine Mutter besucht er in jeder Folge und somit das Viertel in dem er aufwuchs. Auch die Tragik seines verstorbenen Bruders wurde im ersten Fall erzählt, und seit dem dritten Fall (22.3.26) kennt man auch eine Ex-Freundin von ihm, die aber jetzt leider tot ist. Gegen ihn lief anfangs ein Disziplinarverfahren, das während des zweiten Falls eingestellt wurde. Mit dem Verfahren hatte ihn wohl die Vorgesetzte Schatz unter Druck gesetzt Azadi zu beobachten / auszuspionieren (wegen der Privatermittlungssache). Das will er aber nicht (mehr), denn er hält sie für eine hervorragende Polizistin und arbeitet gerne mit ihr zusammen.
Im 6-Gewerke-Check der drei Fälle (einschließlich Frühjahr 2026) liefert das neue Frankfurt einen glatten Pink Flush. Nicht nur die Drehbücher, auch Regie, Bildgestaltung, Ton, Musik, Schnitt nur von Männern. Peng.
Positiv ist auf jeden Fall, dass durch die Rahmenhandlung der Altfälle wesentlich häufiger auch die Folgen eines (Gewalt-)Verbrechens auf die unmittelbare Umgebung / Angehörige zur Sprache kommen kann. Wobei das teilweise etwas dünn ist. Im 3. Fall – ich weiß, der war nicht 2025 – gibt es 13 Tote bei einem Hochhausbrand, wir lernen aber nur eine Hinterbliebene kennen, die ihre Mutter in dem Brand verloren hat. Und die zündet sich am Ende selbst an.
Demontage einer Dienstältesten
Die derzeit am längsten aktive Ermittler:in ist Lena Odenthal, in Ludwigshafen. Ulrike Folkerts spielte sie das erste Mal im Tatort DIE NEUE 1989. Wobei sie deutlich weniger TATORTE dreht als die Kommissare in München oder Köln, aber das ist ein anderes Thema.
Stattdessen möchte ich kurz mein Unbehagen wiedergeben, wenn ich an jüngste Fälle aus Ludwigshafen denke. Ich hab vor einer Weile über den wirklich entsetzlichen Tatort DAS VERHÖR geschrieben (Tatorte 2022 – Eine gemischte Zwischenbilanz), den man als breite Demontage der Protagonistin beschreiben kann. 2025 sah es leider nicht viel besser aus, in ihrem einzigen Fall – MIKE & NISHA – arbeitet sie weiterhin mit Johanna Stern (Lisa Bitter) zusammen, allerdings, wenn die beiden gemeinsam auftreten behandelt Odenthal die Kollegin häufig wie eine Vorgesetzte, mit Blicken, mit Taten, mit Duldung oder sogar Unterstützung deren illegalen Vorgehens. Zum Team gehören seit 2024 zwei Neue – Mara Hermann und Nico Langenkamp, die ständig ihr eigenes Ding machen, Ermittler spielen und Vorschriften und Gesetze übertreten, was Odenthal erlaubt bzw. immer wieder durchgehen lässt, – ich weiß nicht, ob das als Comic Relief gedacht ist, oder bloß der Schwächung der Vorgesetzten Odenthal dienen soll?
Wenn man zu Hause aus der Nachbarwohnung oder dem angrenzenden Haus ungewöhnliche Geräusche oder gar Schreie hört, die zB auf (häusliche) Gewalt hindeuten könnten, dann ist es gut, wenn man nicht in TATORT-Ludwigshafen wohnt, denn da hätte man erhebliche Probleme, diesen Verdacht bei den Behörden zu melden. So abweisend-anklagend, wie die ,Nachbarin‘ (eingeführt als neugierige pflegende Angehörige und Alkoholikerin) von Streifenpolizei und Kripo behandelt wird, als sie genau das machen wollte, nebst der ständigen Wiederholung, dass sie ja alkoholisiert war und deshalb unglaubwürdig (?) ist schon ein Armutszeugnis. Zumal sich das Odenthal-Team auch nicht aufgeschlossener verhielt. War das Absicht, damit auch ja alle mitbekommen, wer die wirklichen Bösen in diesem TATORT sind: die neugierige Nachbarin und der Reichsbürger-Nachbar (so will ich sie mal nennen), selbst wenn die Nachbarin vielleicht eine Gewalttat melden möchte?
Das Publikum sieht zu Beginn die Morde und weiß deutlich mehr als Odenthal und ihr Team, die bis zum Ende keine Kenntnis der Brutalität der Tat haben. Odenthal erfährt am Ende nur, dass die Leichen in der Biogasanlage gefunden wurden. Das mag als Erklärung dafür dienen, dass sie die ganze Zeit gewisse Sympathien für das Liebespaar hegt.
- Odenthal: „Warum macht mich dieses Paar so traurig“
- Stern: „vielleicht weil sie ohne diese Tat noch ihr ganzes Leben vor sich hätten“
Mich macht eher traurig, dass das Paar zwei Menschen abgeschlachtet hat.
Exkurs: #waswennsieLEBT.
Ich habe zuletzt den Artikel #waswennsieLEBT, veröffentlicht. Auch in MIKE & NISHA gibt es ein Beispiel für eine Frauenfigur, die mal so eben stirb und deren Weiterleben interessant für sie und andere Figuren bzw. die Gesamthandlung hätte sein können (und für die Schauspielerin!): Mikes Mutter Emmi (Judith Hofmann).
Bis kurz vor ihrem Tod wurden die beiden Eltern kontrastierend gezeichnet, der Vater Gustav in nur einer Farbe, daueraggressiv. Die Mutter war da anders, sie gab ihrem Mann zaghaft Kontra, sie freute sich über den Besuch von Mike und Nisha und das Katzengeschenk, versuchte zu ihrem Sohn und der neuen Freundin freundlichen Kontakt aufzubauen. Und auch wenn die Nachbarn über das Elternpaar sprechen ist immer nur der Vater problematisch, der rumbrüllte und Streit hatte mit dem Reichsbürger-Nachbarn. Die Mutter kam in den Konfliktschilderungen eher gar nicht vor.
Was macht das Drehbuch aus den unterschiedlichen Elterncharakteren? Nichts. Emmi wird getötet. Vom eigenen Sohn brutal erschlagen. Wobei seine Motivation nicht wirklich klar war, ging es darum, eine Zeugin aus dem Weg zu räumen? Wollte er seiner Freundin das gute Gefühl geben, dass sie nicht alleine als Mörderin / Totschlägerin dasteht, nachdem sie eben seinen Vater (der sich später auch als ihr Vater herausstellt) mit dem Schürhaken erschlagen hat? Und warum hinterher dieses gemeinsame auf die beiden leblosen Menschen ,Eindreschen‘ (so hieß es in der Audiodeskription), als die Eltern tot oder fast tot am Boden lagen?
Egal, wir fragen #waswennsieLEBT. Mal angenommen Mutter Emmi wäre nicht von ihrem Sohn umgebracht worden. Dann hätte sie kurz vorher, nach dem Tod des Vaters / ihres Mannes, nicht angefangen wie ihr Mann rumzubrüllen und zu drohen, sondern vielleicht nur fassungslos nach Worten gerungen und sich ängstlich von ihrem Sohn wegbewegt. Der hätte sagen können „Sie hat es auch für Dich getan, Mama“. Viel spannender! Dann könnten sich Mike und Nisha streiten, ob der Mutter zu trauen ist, dass sie nichts verrät, Mike wäre zwischen den beiden Frauen hin und her gerissen, die Mutter wird vielleicht gefesselt, betäubt (sicher hätte es zufälligerweise irgendwo Chloroform gegeben), und dann hätte Mike nur die Leiche seines Vaters entsorgen und Nisha die Polizei und den Nachbarn abwehren müssen und gleichzeitig dafür sorgen, dass niemand die Mutter hört, die vielleicht im Keller oder Bad gefesselt und geknebelt versteckt wurde. Nur so ein Gedanke.
Dass die Mutter auf einmal plötzlich genauso aggressiv und feindselig wie der Vater rumschrie fand ich jedenfalls die denkbar schlechteste Figurenentwicklung.
Ein sehenswerter Fernsehkrimi
Um diesen Artikel positiv zu beenden habe ich noch eine Empfehlung für Euch:
EFTERFORSKNINGEN / DIE ERMITTLUNGEN, Dänemark 2020 (deutscher Sendetitel: Der Mord an Kim Wall). Den gibt es noch eine Weile in der arte mediathek, sogar in der Dänischen Originalfassung mit deutschen oder französischen Untertiteln. Und auch auf Deutsch. Genaugenommen ist es kein Fernsehfilm-Krimi, sondern eine sechsteilige Serie. Geschrieben, inszeniert und produziert von Tobias Lindholm. Worum geht es? arte schreibt:
Kopenhagen, 11. August 2017. Ein scheinbar normaler Tag für Jens Møller (Søren Malling), Leiter der Kriminalpolizei der dänischen Hauptstadt – bis eine seltsame Nachricht eintrifft: Ein selbstgebautes U-Boot ist in der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden gesunken, mit zwei Personen an Bord: dem Konstrukteur, einem dänischen Erfinder, der in letzter Minute gerettet werden konnte, und einer jungen schwedischen Journalistin, die als vermisst gilt.
„Der Fall Kim Wall“ wurde zwei Jahre nach dem schrecklichen Vorfall gedreht, der Dänemark traumatisiert hatte, und noch bevor der Täter endgültig verurteilt wurde. Die Serie konzentriert sich auf die komplexen Ermittlungen, die ausführlich, nüchtern und ohne Rückblenden nachgezeichnet werden. Tobias Lindholm entscheidet sich dafür, keine Bilder des Opfers oder des Mörders zu zeigen; es zählt nur die akribische Arbeit von Inspektor Jens Møller, der von der Schuld des Verdächtigen überzeugt ist und mühsam Beweise sammelt. Wie in der Realität kommen die Ermittlungen nur langsam voran.
Es gibt allerdings 3 Abstriche:
- Warum auf deutsch „Der Mord an Kim Wall“ anstelle von ERMITTLUNGEN? Wenn Ihr die Serie seht werdet Ihr verstehen, warum das ein unmöglicher Titel ist.
- die neue Frau von Jens Møller. Auf der Besetzungsliste steht Kristine (Charlotte Munck), aber sie wird nur skat / Schatz genannt. Sie hat einen Beruf, das wird auch mal erwähnt, aber welcher das ist und was sie da eigentlich macht, keine Ahnung. Meistens wartet sie geduldig im Hintergrund und ist Stichwortgeberin („wie war Dein Tag?“ „habt Ihr etwas gefunden?“ „was passiert jetzt?“ usw.). Und wo ist die erste Frau von Jens / die Mutter seiner Tochter Cecilie? Geschieden, gestorben, verschollen? Es ist seltsam, dass sie nicht mal am Ende im Krankenhaus auftaucht, als Cecilie entbindet. Und nein, Jens war nicht all die Jahre alleinerziehender Vater, das wird recht deutlich.
- Hat arte echt kein ø im Setzkasten?
- Und ja, 6-Gewerke-Check eine glatte rosa Null.
Aus der Pressemitteilung des Senders TV2:
„Die Ermittlungen“ bringen uns ganz nah an Jens Møllers methodische Aufklärungsarbeit heran. Ganz nah an schwedische Leichenspürhunde, die darauf trainiert sind, Leichen aufzuspüren, die tief unter der Meeresoberfläche liegen. Ganz nah an Strömungsverhältnisse im Öresund und in der Køge-Bucht, ganz nah an Taucher des Minenräumdienstes der Marine und ganz nah an die Herausforderungen, denen sich Sonderstaatsanwalt Jakob Buch-Jepsen in seinem Kampf um die Aufklärung des Falls vor Gericht stellen musste.
In enger Zusammenarbeit mit [den Eltern von Kim:] Ingrid und Joachim Wall, dem Leiter der Mordkommission Jens Møller und dem Sonderstaatsanwalt Jakob Buch-Jepsen hat Tobias Lindholm eine authentische, spannende und zutiefst bewegende Serie über die anspruchsvolle und entscheidende Arbeit geschaffen, die Polizeibeamte, Taucher, schwedische Leichenspürhunde, Meeresforscher und Freiwillige geleistet haben, um den Mord an der schwedischen Journalistin Kim Wall aufzuklären. Und wie umfangreich und kompliziert die Arbeit war, die die Staatsanwaltschaft anschließend leistete, um den Täter zu verurteilen.
Und man sieht wie der Fall alle beteiligten Ermittler:innen belastet und an ihre Grenzen bringt. „Ich hatte noch keinen Mordfall, der mich nicht bis nach Hause verfolgt hat“ sagt Nikolaj Storm (Hans Henrik Clemensen) zur Kollegin Maibritt Porse (Laura Christensen). Also gibt es auch keine Ermittler:innen die mit über 60 immer noch psychisch völlig unbeeindruckt von ihren Fällen sind. Und keine Schlussszene in einer Frittenbude mit lustigem Smalltalk oder Shakespearezitaten.
EFTERFORSKNINGEN. 6 Folgen à 45 Min. (also so lang wie 3 TATORTE), verfügbar bis zum 15/01/2027 auf arte.tv
(Ich weiß nicht, warum es bei TATORTEN nicht möglich ist, einen schlüssigen Krimiplot UND eine gute Ermittler:in-Geschichte hinzubekommen. Vielleicht einfach, weil sie es nicht nötig haben. Denn das Publikum / die Einschaltquote wird mitgeliefert auf diesem Sendeplatz (auch wenn diese Quote für eine öffentlich-rechtliche Produktion gar nicht so wichtig sein sollte).
Bonus: Erstes Halbjahr 2026
Dieser Artikel hat doch etwas länger als gedacht, und gerade habe ich gesehen, dass die TATORT-Sommerpause (in der allerdings TATORT-Wiederholungen ausgestrahlt werden) schon im Mai beginnt. Deshalb kann ich noch den 6-Gewerke-Check und #2von6 für die 16 Filme der ersten Hälfte 2026 anbieten.
Wieder einmal liegt der Regisseurinnenanteil bei 50 % (das ist erfreulich, aber erfahrungsgemäß wird das zum Jahresende anders aussehen).

Wirklich bestürzend finde ich, dass mit Eva Maschke nur eine Kamerafrau zum Einsatz kam, bei SASHIMI SPEZIAL, 3von6, mit der Regisseurin Franziska Margarete Hoenisch und der Editorin Saskia Metten. Und auch nur eine Filmtonmeisterin, Theda Schifferdecker (GEGEN DIE ZEIT, 4von6).
Eine Kamerafrau. Aber vier Kameramänner, die mit Vornamen Michael heißen:
- Michael Merkel – EX-IT
- Michael Schreitel – UNVERGÄNGLICH Teil 1 und 2
- Michael Schindegger – GEGEN DIE ZEIT
#2von6? Sieben der 16 TATORTE schaffen die Anforderung nicht.

Die beiden Nuller-TATORTE waren der dritte Frankfurt-Fall FACKEL vom 22.3.26 und der Köln-Fall DIE SCHÖPFUNG vom 11. Januar. Und die beiden 4von6-TATORTE sind WENN MAN NUR EINEN RETTEN KÖNNTE (Bremen 25.1.26) und GEGEN DIE ZEIT (Wien 26.4.26).
Soviel für heute.
Diesmal wird es keine weitere Halbzeitanalyse geben, über 2026er TATORTE werde ich erst zum Jahresende wieder schreiben.