Der Berlinale Wettbewerb 2026
Gerade hat die Berlinale begonnen, und viele von Euch werden sich Filme angucken, in Schlangen stehen, fachsimpeln, bei Empfängen abhängen und netzwerken. Es ist nicht ganz leicht, über den Wettbewerb zu sprechen ohne schon die 22 Filme gesehen zu haben. Damit Ihr aber stattdessen nicht über den angespannten Wohnungsmarkt, Schnee, Karneval, Curling oder Terrier sprechen müsst – wobei die letzten beiden Themen schon gut sind – veröffentliche ich heute ein paar Zahlen und Fakten, mit denen Ihr überall glänzen könnt:
2026 ist die zweite Berlinale unter der Leitung von Tricia Tuttle, ihren ersten Wettbewerb habe ich hier analysiert: Die erste Tuttle-Berlinale, Februar 25.
Die sechs Haupt-Gewerke
Ähnlich wie im letzten Jahr liegt der Frauenanteil bei Regie und Drehbuch im Wettbewerb auch diesmal zwischen 36 und 40 %, in dieser Region finden sich auch die Editorinnen (2025 noch unter 30 %). Und was bemerkenswert ist: in gut jedem vierten Film war eine Frau für die Bildgestaltung verantwortlich, ihr Anteil lag im Vorjahreswettbewerb noch bei mickrigen 5,3 %. Den niedrigsten Frauenanteil bieten in diesem Jahr die Komponistinnen mit 11,1 % – wobei ich für dieses Gewerk nur die Angaben für 18 Filme finden konnte.
Ton wird auf den Seiten und Pressematerialien der Berlinale als Tongestaltung / Sound Design angegeben, nicht als Filmtonmeister und Filmtonmeisterinnen, ich habe es so übernommen bzw. ergänzend recherchiert.

Noch kurz ein Wort bzw. paar Zahlen zu den Regisseur:innen: 2025 waren 2/3 von ihnen 1976 oder später geboren, das heißt sie waren am 1. Januar 2025 49 Jahre alt oder jünger. Im Wettbewerb 2026 waren 2/3 1975 oder eher geboren, sie waren am 1. Januar 2026 somit 51 oder älter. (Von zwei Regisseurinnen und zwei Regisseuren – alle vier aus den USA – konnte ich das Geburtsjahr nicht herausfinden).

Apropos Regie: zehn der 22 Filme sind ,Autorenfilme‘, dh, Regie und Drehbuch verantwortete eine Person. Bei weiteren sechs Filmen war die Regie am Drehbuch mitbeteiligt. Also bleiben sechs Filme übrig ohne Regie/Drehbuch-Überschneidung. Darunter fällt WOLFRAM (den ich weiter unten noch mal erwähne), hier war der Regisseur Warwick Thornton gleichzeitig auch der Kameramann.
#2von6
Wie der 6-Gewerke-Check schon vermuten lässt: gut 60 % der Filme erfüllen das Kriterium #2von6, was bedeutet, dass an mindestens zwei der untersuchten sechs Gewerke Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Montage und Musik Frauen beteiligt waren. Idealerweise sollte diese kleine Schwelle von jeder Produktion erreicht werden, aber bis dahin ist es noch ein Weg.
Blicken wir zurück auf die Berlinale 2023, da erreichten nur 36,8 % der 19 Wettbewerbsfilme #2von6. Und auch die Zahl der Nuller-Filme (keine Filmfrau in den sechs Gewerken) ist zurückgegangen, von 7 aus 19 Filmen im Jahr 2023 zu 4 von 22 im diesjährigen Wettbewerb.
Es wäre interessant zu überlegen, woran dies liegen könnte. #2von6 ist vermutlich nicht etwas, das auf Tricia Tuttles Zettel stand, als sie zum Wettbewerb einlud. Nur scheint es ja irgendetwas zu geben, das ihr wichtig ist, – Inhalte? Form? Bildsprache? – und das gleichzeitig womöglich an die Zusammensetzung der sechs Kerngewerke gekoppelt ist. Oder es gibt einen völlig anderen Grund. Was denkt Ihr? (Kontakt klick!)

Der Eröffnungsfilm
Den Eröffnungsfilm letztes Jahr hatte auch schon Frau Tuttle und ihr Team ausgesucht. Der stellte sich als herb-rosa Enttäuschung heraus DAS LICHT von Tom Tykwer (= auf den sechs Gewerkepositionen nur Männer) und konnte auch inhaltlich nicht wirklich überzeugen (ich verweise auf die Besprechung von Filmkritikerin Sophie Charlotte Rieger / Filmlöwin Berlinale 2025: Mutterschaft auf und jenseits der Leinwand). Der Eröffnungsfilm 2026 ist ist so ziemlich jeder Hinsicht das Gegenteil: NO GOOD MEN von Shahrbanoo Sadat. Ich hab den Film noch nicht gesehen, bin aber schon sehr gespannt auf diese romantische Komödie, die kurz vor der Machtwiederübernahme der Taliban in Afghanistan spielt, realisiert von der 2021 nach Hamburg evakuierten afghanischen Regisseurin Sadat, deren Kernteam fast ausschließlich aus Filmfrauen besteht:

Und worum geht es in NO GOOD MEN, einem Film, der als Romantic Comedy aber auch als Drama eingeordnet wird? Im Berlinale-Programm heißt es:
„Afghanistan im Jahr 2021, kurz vor der Rückkehr der Taliban: Naru, die einzige Kamerafrau beim wichtigsten Fernsehsender Kabuls, kämpft um das Sorgerecht für ihren dreijährigen Sohn. Nach der Trennung von ihrem untreuen Ehemann ist in ihr die Überzeugung gereift, dass es in ihrem Land keine guten Männer gibt. Umso überraschter ist sie, als Qodrat, der wichtigste Journalist von Kabul TV, ihr eine berufliche Chance bietet. Während die beiden kreuz und quer durch die Stadt fahren, um über ihre letzten Tage in Freiheit zu berichten, sprühen die Funken, und Naru beginnt, an ihrem eigenen Urteil zu zweifeln: Gibt es vielleicht doch einen guten Mann da draußen?“
Und nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass Shahrbanoo Sadat auch die Hauptrolle (Naru) übernahm.
Auch hinsichtlich der erhaltenen deutschen Filmförderung liegen Weiten zwischen NO GOOD MEN (1,48 Mio. €) und DAS LICHT (5,84 Mio. €). Warum eigentlich? Ja, Filmförderung ist auch ein guter Ausgangspunkt für Filmbranchengespräche..
Beteiligte Produktionsländer
Wir Ihr wisst heißt Berlinale in echt Internationale Filmfestspiele, da kann ich Euch auch noch ein paar Facts zu den beteiligten Produktionsländern anbieten:
Singapur ist das erste Mal mit einem Film im Berlinalewettbewerb vertreten: WO MEN BU SHI MO SHENG REN / WE ARE ALL STRANGERS, Buch und Regie Anthony Chen. Vier afrikanische Länder treten als Koproduzenten bei drei Filmen auf – Guinea-Bissau, Senegal, Tschad und Tuneseien, nachdem es 2025 keine im Wettbewerb gab.
Kleiner Exkurs: gerne möchte ich an dieser Stelle auf das Projekt A wie Atlas hinweisen, „die große deutschsprachige Website zum Thema Geographie. Bei A wie Atlas geht es um Länderkunde, um besondere Orte und viele hilfreiche Tipps zu Karten, Landschaften und Büchern. Viel Spaß beim Entdecken der Welt!“
Ich bin dort gelandet, weil ich Guinea-Bissau nicht kannte auch nicht ganz firm war, wo die anderen drei Länder auf ihrem Kontinent liegen. Sehr informative Seite, nicht nur über die Länder Afrikas! Manches fehlt noch, so gibt es noch keine Asien-Länderübersicht, aber doch schon sehr viel, und ich fand es angenehmer in dieser Seite zu stöbern als bei Wikipedia. Der Macher heißt Simon Rucker, und er schrieb mir, dass er A wie Atlas alleine betreibt, vor dem Hintergrund seines Interesses für Geografie und das Entdecken schöner Landschaften.
Zurück zur Berlinale und den im Wettbewerb anzutreffenden Produktionsländern. Diesmal sind keine südamerikanischen Filme oder Beteiligungen dabei, aber dafür mit WOLFRAM ein Film des australischen Filmemachers mit Ureinwohnerherkunft („aboriginal australian filmmaker“) Warwick Thornton. Den Vergleich zum Vorjahr seht Ihr in dieser Tabelle:

Diesmal gab es keinen Film aus China (letztes Jahr noch zwei), und was ich vor allem nicht verstehe, schon wieder keine indische Produktion! In Indien wurden letztes Jahr wenn ich das richtig mitbekommen habe 1.500 Filme produziert. Doch keiner war „gut genug“ für den Berlinale-Wettbewerb? Kaum zu glauben. Auch wieder eine schöne Debattenausgangsfrage.
Ich habe ja das Stichwort Koproduktionen bereits gegeben. Von den 22 Wettbewerbsfilmen waren 7 nur in einem Land finanziert (2025 waren das 9), darunter der o.g. Film aus Singapur und der deutsche Beitrag ETWAS GANZ BESONDERS / HOME STORIES von Eva Trobisch (dt. Filmfördersumme 2,3 Mio. €). Sind es Filme mit kleinem Budget, die nur in einem Land produziert werden? Oder sind Filme mit fünf oder mehr koproduzierenden Ländern eher kleinbudgetiert, und sie müssen das Geld zusammenstückeln? Ich kenne mich tatsächlich mit Filmförderung, zumal auf internationaler Ebene, nicht so gut aus, aber es ist schon interessant, dass gefühlt überall internationale Koproduktionen zunehmen. (und schon wieder habt Ihr ein Icebreaker-Thema für den Nordmediaempfang oder wenn Ihr jemanden von der FFA am Buffet begegnet).
Und die ,internationalste‘ Koproduktion KURTULUş bestand aus sechs Ländern: Türkei, Frankreich, Niederlande, Griechenland, Schweden, Saudi-Arabien (2025 sieben Länder).
Ein Wort zu den Daten
Das halte ich mal ganz kurz, obwohl ich da echt viel zu sagen könnte. Wie bin ich vorgegangen bei dieser Wettbewerbsanalyse? Die meisten Angaben zur Besetzung der sechs Gewerke habe ich von der offiziellen Berlinale-Seite. In wenigen Fällen musste ich Lücken über andere Seiten füllen (in erster Linie IMDB, aber bei deutscher Beteiligung auch crew united, wo ich auch die erwähnten Fördersummen recherchiert und addiert habe. Nachdem ich die Namen hatte kam dann noch die Recherche zu den Filmschaffenden, konkret, warum es Männer oder Frauen (oder nennen sie sich womöglich anders). Da habe ich dann quer gesucht, Interviews, andere Datenbank, Fotos von anderen Filmpremieren usw. usf. Und da bin ich auch mitunter bei kleinen Fehlern oder Ungereimtheiten gelandet. So ist der Tongestalter / Sound Design von QUEEN AT SEA Kent Sparling. Er war aber auf der Berlinaleseite zunächst als Kent Starling gelistet, was dazu führte, dass ich zu ihm keine weiteren Infos fand. Aber einige Querrecherchen später war klar, er heißt Kent Sparling, und das ist jetzt auch auf der Berlinaleseite geändert.
Und dann gibt es auch noch das Phänomen, dass für eine Position je nach konsultierter Quelle unterschiedliche Angaben gemacht werden. Ein Beispiel: NO GOOD MEN, da wird bei crew united (und wikipedia, aber das ist keine seriöse Quelle) für die Musik nur Therese Aune genannt, auf der Berlinaleseite hingegeben Harpreet Bansal, Therese Aune und Kristian Eidnes. Und die drei Namen sind dann in meiner Analysetabelle gelandet. Für NO GOOD MEN wird in vielen Quellen übrigens Anwar Hashimi als Ko-Drehbuchautor genannt. Aber nicht auf der Berlinale-Seite, also auch nicht in meiner Tabelle.
Eigentlich habe ich auch noch die Hauptrollen analysieren wollen, aber das hab ich dann doch nicht geschafft. Aber auch da, Probleme! Nehmen wir noch einmal QUEEN AT SEA, dies sind die auf der Berlinaleseite genannten Hauptrollen (mal ein Screenshot):

Aber wenn Ihr dann zu IMDB geht, da wird als größte Hauptrolle jemand völlig anderes genannt, die keine der vier ist, und die tatsächliche Hauptdarstellerin Juliette Binoche (und auch Tom Courtenay) bekommen nicht mal einen Rollennamen. Und die Rollenliste ist natürlich länger. Hier nur ein Auszug:

Diese Rollenrangfolgeproblematik kenne ich auch von crew united, auch eine Datenbank, wo sich Schauspieler:innen selber eintragen und ihre Rolle als Haupt- oder Nebenrolle markieren können.
Im Grunde ist das nicht so wichtig, und Filmstatistiken haben eben keine wirkliche wissenschaftliche Grundlage. Aber man kann sich doch schon auch wundern.
Die Bären 2026
Ich hoffe, ich konnte Euch ein paar verständliche Statistiken zum diesjährigen Berlinale-Wettbewerb liefern und außerdem ein paar Anstöße mit vertiefenswerten Fragen die sich daraus ergeben vorschlagen.
Die Abschlussgala mit Verleihung des Goldenen und der Silbernen Bären findet nächsten Samstag den 21. Februar statt. Und das nächste Bild zeigt, wie diese entstehen.

Das Gießen der Berlinale Bären, 2019. Foto Berlinale.de