Dieses Zitat stammt von Autorin Dorothee Schön (-> offizielle Webseite), die im April verbandsintern an die – männlichen – Mitglieder des Drehbuchverbands DDV schrieb. Den Brief darf ich heute mit ihrer freundlichen Erlaubnis veröffentlichen, herzlichen Dank!
Ihr findet ihn im zweiten Teil dieses Textes. Zuvor ein kurzer Rückblick auf die Misere, die da heißt Teilhabe von Drehbuchautorinnen.
Wo arbeiten Autoren und Autorinnen (nicht)?
Vor elf Jahren veröffentlichte ich den Text Männer schreiben Drehbücher, mit dem ich auf die auffallend männerlastige Verteilung der Autorenschaft (sic!) im deutschen Film und Fernsehen hinwies, anhand ausgewählter Zahlen und Filmgruppen. Normalerweise bilde ich den Frauenanteil ab, diesmal hatte ich die Männeranteile gewählt, und das war recht erschlagend:

Als Referenzgröße diente der Männer-Mitgliederanteil im Drehbuchverband: 58,3 %. Häufiger nehme ich den Frauenanteil unter den Drehbuchalumni an deutschen Filmhochschulen: 48 %. Das ist nach der FFA Studie „Gender und Film“ 2017 – neuere offizielle Zahlen kenne ich nicht. Auch nicht zum Drehbuchverband, 2014 (!) war der Frauenanteil 41,7 % bei 484 Mitgliedern. Heute sind auf der DDV-Webseite 535 Mitglieder abgebildet.
Noch ein Blick auf die eingetragenen Drehbuchautor:innen der Freelancer-Datenbank von crew united. Hierzu erläutert Vincent Lutz (crew united):
Bei den Zahlen handelt es sich um aktive Member (Basic und Premium). Ich denke, es macht keinen großen Unterschied zu differenzieren, ob jemand einen Bezahlprofil (Premium) oder einen kostenfreien (Basic) hat.
Leider haben wir keine genauen Zahlen über die Filmschaffenden in Deutschland, sodass wir nur vermuten können, dass vielleicht ca. 50-70% davon bei uns ein Profil haben. Vielleicht sind es auch mehr.
Aktuell sind es 342 Drehbuchautorinnen und 412 -autoren, ein Frauenanteil von 45,4 % – und ein deutlicher Anstieg gegenüber 2014:

Nicht dass das irgendjemand als Argument anführt: die niedrige Autorinnenzahl im deutschen Fernsehen liegt also nicht daran, dass es zu wenige von ihnen mit Berufserfahrung gäbe.
Autorinnen schreiben Briefe
2019 machte ich einen 6-Gewerke-Check für die TATORTE 2011 bis 18 (Verbrechen aus Männersicht), den ich durch eine POLIZEIRUFE-Analyse erweiterte. Diese Fakten schwarz auf weiß, – oder rosa / hellblau auf weiß – waren eine willkommene Argumentationshilfe für eine Gruppe Drehbuchautorinnen, die Anfang April 2019 ihren von zunächst 76 Kolleginnen unterzeichneten „Tatort: Drehbuch“-Brief an den damaligen ARD-Programmdirektor Volker Herres, die Intendant*innen der regionalen ARD-Sender, die Gleichstellungsbeauftragten der Sender und an die Rundfunkräte, schickte. Der begann so:
„Die ARD bemüht sich dankenswerterweise mit einer Selbstverpflichtung, den Frauenanteil in der Regie von fiktionalen TV-Formaten zu erhöhen. Doch wie steht es um den Frauenanteil im Gewerk Drehbuch? Dieser ist in den letzten drei Jahren alarmierend rückläufig!“
Die Autorinnen forderten eine „formatübergreifende Drehbuch-Quote von 50/50 bis 2021“ und kündigten die „Initiierung eines Runden Tischs für einen gemeinsamen Handlungsplan 2019 bis 2021 an.“
Soweit ich weiß ist der Runde Tisch mit den ARD-Institutionen nie zustande gekommen. Was die 50:50 Verteilung der Aufträge betrifft; nun, ich kann zumindest für die TATORTE sagen, dass eine Autor:innen-Parität weder bis 2021 noch bis 2025 erreicht wurde. Die 30 %-Marke wurde erst 2022 überschritten, 2024 ging es aber schon wieder zurück auf 25 %. 2026 bis zur Tatort-Sommerpause (die die ARD mit alten Folgen bespielt) machte der Autorinnenanteil bei dieser Reihe 37,5 % aus. Erfahrungsgemäß ist zu befürchten, dass dieser Wert zum Jahresende weiter absinkt. Achja, und nur vier der 16 neuen TATORTE 2026 wurden ohne Männer geschrieben. Autorinnen waren dank gemischter Teams an der Hälfte der TATORT-Bücher beteiligt. Das macht aber noch keine Parität. Die Autoren schrieben (an) 12 von 16 Büchern (mit).

Ebenfalls 2019 eröffneten Drehbuchautorinnen in Großbritannien ihren offenen Brief an die UK TV-Drama Redaktionen gleichsam unzufrieden:
„In den letzten Jahren hat sich bei uns Fernsehautorinnen eine neue Tradition etabliert. Es beginnt damit, dass ein Sender seine Drama-Aufträge für die kommende Saison ankündigt. Eine Liste vielversprechender Projekte: Einige werden neue Publikumslieblinge werden, andere werden Flops sein und wieder andere werden es auf mysteriöse Weise nie ganz auf den Bildschirm schaffen. Aber ohne Zweifel werden sie überwiegend von Männern geschrieben werden.“
Wie ich in dem Blogtext Warum arbeitet Ihr nicht mit Drehbuchautorinnen? vom 17. April 19 schrieb, in dem Ihr auch die vollständigen Autorinnen-Briefe findet:
Der britische Autorinnen-Brief wirkt gegenüber dem Tatort:Drehbuch-Brief auf den ersten Blick sehr zurückhaltend, aber durch die Mehrstufigkeit, den unterstützenden Einsatz des Drehbuchverbands WGGB und die folgenden direkten Gespräche mit Redakteur*innen und mehr in kleinerer oder größerer Runde kam doch nach kurzer Zeit ziemliche Fahrt auf.
Ich habe bei der WGGB nachgefragt, wie der aktuelle Stand ist. Sobald ich eine Antwort habe werde ich sie hier nachtragen.
Autorinnen initiieren eine Studie
Ein paar Jahre später… kam Covid, ja, aber das meine ich gerade nicht, sondern: ich wurde von den Autorinnen Kristin Derfler und Annette Hess, beauftragt, eine Analyse deutscher Serienproduktionen durchzuführen (von ihnen aus eigenen Taschen bezahlt). Die Studie erschien am 16.5.22,

als „Studie zur Beteiligung von Autorinnen an den kreativen Bereichen Drehbuch, Creation, Showrun und Head von geförderten und nicht-geförderten deutschen Serien bei Streamern bzw. VoD-Anbietern, Privatsendern und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“. Exemplarisch ein Ergebnis: Der Anteil von Autorinnen im deutschen Seriengeschäft liegt nur bei einem Drittel, der von Creatorinnen und Showrunnerinnen sogar unter 20%.
Die Studie wurde verbreitet, ich präsentierte die Ergebnisse u.a. in einer WIFT Germany Onlineveranstaltung und in Köln bei RTL. Kristin Derfler und Annette Hess führten Gespräche mit Medienvertreter:innen und Verantwortlichen aus der Fernsehbranche.
Unterm Strich muss ich konstatieren, dass das Medienecho befremdlich schwach war und es auch keine angemessenen Reaktionen aus der Branche gab. Aber so wie ich es seit 2013 (Beginn von SchspIN) erlebe, Filmschaffende sind weder innerhalb ihres Gewerks noch übergreifend von großer Solidarität durchdrungen.
Ich bat die Initiatorinnen um ihre Einschätzung, vier Jahre nach Veröffentlichung der Serienstudie. Kristin Derfler schreibt:
Meiner Wahrnehmung nach ist unsere Serienstudie bislang weitgehend folgenlos geblieben. Vor allem dort, wo die entscheidenden kreativen Weichen gestellt werden. Creatorinnen von High-End-Serien sind weiterhin deutlich in der Unterzahl, die maßgebliche Erzählperspektive bleibt überwiegend männlich geprägt. Zwar gehört es inzwischen zum guten Ton, zumindest eine Autorin in einen Writers’ Room zu setzen, doch nur selten sind diese Staffwriterinnen tatsächlich im kreativen Lead. Und genau das macht den Unterschied.
Auch der Deutsche Drehbuchverband hat die von Belinde Ruth Stieve 2022 sorgfältig recherchierten Ergebnisse weder aufgegriffen noch die angestoßene Debatte konsequent weitergeführt. Inzwischen gibt es beim DDV zwar eine rein weibliche Arbeitsgemeinschaft, die sich mit dem bestehenden Gender-Gap beschäftigt, was richtig und wichtig ist. Aber die immer noch nicht vorhandene Gleichstellung ist doch keine Sonderaufgabe von Frauen, sondern sollte Aufgabe des gesamten Verbands sein.
Es geht ja nicht allein darum, wer welche Geschichten erzählt, sondern auch um die wirtschaftlichen Folgen einer prekären Auftragslage. So verfügen Autorinnen grundsätzlich über weniger Einkünfte und erhalten in der Folge entsprechend weniger Tantiemen, beispielsweise über die VG Wort. Der massive Einbruch der Branche verschärft diese Schieflage zusätzlich. Seit den Covid-Jahren werden deutlich weniger Serien beauftragt und je knapper die Aufträge werden, desto größer ist die Gefahr, dass die bestehenden Machtverhältnisse weiter zementiert werden.“ aufgegriffen noch die dadurch angestoßene Debatte weitergeführt.
Annette Hess ergänzt:
Ich kann mich Kristins Antwort nur anschließen. Die Studie hat wenig Beachtung gefunden, der Backlash haut überall rein, Gleichstellung ist ein unerwünschtes Thema, die AFD-Umfrageergebnisse stützen diese Haltung leider zunehmend.
Ich persönlich bin immer wieder mit der pay gap konfrontiert. Für meine letzte Produktion einer Reihe musste ich hart verhandeln, um am Ende 6 % mehr Honorar verglichen zur Staffel 8 Jahre zuvor zu bekommen. Am Set erfuhr ich von zwei männlichen HoD-Crewmitgliedern, die auch von Anfang an dabei sind, dass sie 10 % mehr verhandelt hatten.
Desgleichen Förderungen: für Produktionen von weiblichen Kreativen gibt’s mindestens 1/3 weniger Förderung als für Herrengeschichten. Für meine neue historische Serie brauche ich eigentlich ein Budget von 18 Millionen. Bekomme ich nie. Ist ja nur ne Frauenstory….
Man sollte meinen oder hoffen, dass Zahlen die hieb- und stichfest Missstände belegen, Reaktionen in der Branche auslösen und Veränderungen herbeiführen helfen; aber nein, das scheint nicht der Fall zu sein, und wenn dann im Schneckentempo.
Ich begann diesen Text heute mit einem Hinweis auf den intern-offenen Brief von Dorothee Schön und freue mich sehr, ihn veröffentlichen zu dürfen, auch wenn „freuen“ vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist.
Dorothee Schön schreibt an ihre VDD-Kollegen
Liebe Kollegen,
Nein, ihr habt euch nicht verlesen. Hier wird nicht gegendert, denn mein Brief richtet sich ausnahmsweise nur an die Männer. Denn die Frauen kennen das, wovon ich berichten will, aus eigener Anschauung. Worum geht es? Der aktuelle Honorarspiegel des DDV weist in meinem Wirkungsfeld, den TV-90-Minütern, einen veritablen Gender-Pay-Gap von 15% aus, – mehr als der in der Autoindustrie oder der Baubranche.
Ich werde etwas weiter ausholen. Das seht ihr mir hoffentlich nach, aber es ist notwendig, um meinen Punkt zu machen.
Als ich als HFF-Studentin in den achtziger Jahren begonnen habe, Drehbücher zu schreiben, war das die Hochzeit des Autorenfilms. Und jemand, der nicht selbst Regie führen wollte, war ein Alien. An der HFF gab es damals keine einzige Lehrveranstaltung, die sich mit dem Drehbuch eines Films befasste. Es gab nirgendwo Drehbuchstudiengänge oder Drehbuchwerkstätten. Man musste sich selbst erfinden.
Als junge Frau war das doppelt schwierig. Als ich als 24Jährige für mein erstes Spielfilmdrehbuch „Blauäugig“ bayerische Filmförderung beantragt habe, sagte mir ein Kommissionsmitglied wörtlich ins Gesicht: „Sie als Frau schreiben doch kein Drehbuch über die Militärdiktatur Argentinien – nicht mit diesen zarten Händchen.“ Ich habe es trotzdem getan, es wurde von Reinhard Hauff mit Götz George verfilmt und war deutscher Beitrag im Wettbewerb von Venedig.
Mein zweites Buch „Bumerang, Bumerang“ über die Atom-Proteste in Wackersdorf wurde von Hans Geissendörfer verfilmt mit Jürgen Vogel in seiner ersten Rolle. Die TAZ schrieb damals eine Rezension, die mir erst vor kurzem wieder in die Finger gefallen ist:
„…Die der Teenager-Liebe übergestülpte Polit-Action ist pure Konstruktion. Oder soll Bumerang-Bumerang etwa ein Märchen sein? So jedenfalls stellt sich Klein-Erna eine Geiselnahme vor. Sie heißt aber nicht Erna, sondern Dorothee Schön, und hat zusammen mit Irene Fischer das Drehbuch geschrieben. Dorothee Schön kennt man spätestens seit dem nicht minder missglückten Reinhard-Hauff-Film „Blauäugig“- auch dafür schrieb sie das Drehbuch. Offenbar profiliert sie sich unfreiwillig als Expertin für Plots, die sie nur vom Hörensagen kennt. Dabei macht sie gerade ihre eigene Betroffenheit geltend: Als Mutter eines kleinen Kindes sei sie von Tschernobyl besonders betroffen gewesen, wie auch ihre Co-Autorin. Vielleicht braucht es gar keine große Katastrophe, um den deutschen Film zu retten, sondern nur genügend junge Mütter, die auf Schwabings Spielplätzen zur Entfesselung ihrer kreativen Energie keine Strampelanzüge stricken, sondern Drehbücher.“
Ich war damals 27 Jahre alt. So eine Rezension kam damals einer öffentlichen Hinrichtung gleich, da Filmkritik nur in den Printmedien stattfand. Dennoch kann ich mich im Nachhinein glücklich schätzen, dass es damals noch keine sogenannten sozialen Medien gab mit ihren misogynen Shitstorms. Ich wäre sicher ein gefundenes Fressen gewesen.
Als ich mich kurz darauf an einer Ausschreibung des Bayerischen Rundfunks für neue Tatort-Ermittler beteiligte, schaffte ich es damit immerhin ins Büro des damaligen Fernsehspielchefs, der mir bescheinigte, dass ihm meine Arbeit gefallen habe, er sie aber leider ablehnen müsse, weil ich mir ein Ermittlerduo ausgedacht habe, das aus einem Mann und einer Frau besteht. Eine weibliche Kommissarin sei dem Publikum aber keinesfalls vermittelbar. Der BR entschied sich dann für Batic und Leitmayr…
Und so ging es weiter. Die Vorbehalte gegen mich richteten sich im weiteren Verlauf meiner Karriere weniger gegen mich als Person, denn ich hatte ja inzwischen bewiesen, dass ich schreiben kann. Jetzt hatte man Vorbehalte gegen meine Themen. „Frau Böhm sagt Nein“, die Geschichte einer älteren Buchhalterin während der Mannesmann-Übernahme, stieß auf Ablehnung: Eine Frau über 50? Kein Love-Interest? Kein Happyend? Und dann noch was Politisches? – Nein Danke! Ohne die Zusage von Senta Berger bereits aufgrund des Treatments (!) wäre der Film, der später einen Grimmepreis gewann, nie gedreht worden.
Trotz all der frustrierenden Erfahrungen hatte ich nie das Gefühl, dass ich als Frau per se benachteiligt sei, denn ich erkämpfte mir ja stoisch und mit Erfolg meinen Platz. Erst als Pro Quote 2014 die Zahlen erhob, wie es um Auftragsvergabe und Honorare für Frauen in Sendern und Fördergremien bestellt ist, wachte ich auf. Zu den Zahlen der Malisa-Stiftung zur Repräsentanz von Frauen in den Medien meinte BR-Fernsehspielchefin Bettina Reiz damals auf einem Podium nur lapidar, dass sie ja gerne mehr Autorinnen beschäftigen würde, aber die interessierten sich ja leider nicht für Krimis, das bevorzugte Genre des deutschen Publikums. Ich, damals schon mehrfache Tatort-Autorin, bekam im Publikum Schnappatmung.
Man gelobte zwar allseits Besserung, aber vier Jahre später lag der Autorinnenanteil bei den Tatorten und Polizeirufen der ARD immer noch bei nur 6,1 %, und das angesichts von 48% Absolventinnen eines Drehbuchstudiengangs. Am fehlenden Nachwuchs konnte es also nicht liegen. Inzwischen holen die Frauen auf. Doch aktuell taucht in der Liste der meistbeschäftigten Tatort-Autoren die erste Frau auf Platz 10 auf (nämlich ich selbst), und die nächste Kollegin ist dann erst wieder auf Platz 28 zu finden. Unter den Top 28 sind also 26 von mir hochgeschätzte männliche Kollegen.
Trotz allem, was seit der Gründung von Pro Quote gegen die Benachteiligung von Autorinnen erreicht wurde, muss ich angesichts des aktuellen Honorarspiegels und der Realität der Auftragsvergabe konstatieren, dass Gleichberechtigung noch in weiter Ferne liegt. Die Praktiken sind nur subtiler geworden. Man sagt es uns Frauen nicht mehr so plump ins Gesicht wie früher, dass man uns nicht will, aber man übergeht uns und unsere Stoffe weiterhin. Feigenblatt-Frauen natürlich ausgenommen, zu denen ich mich leider auch zählen muss.
Und damit komme ich nun zu euch, liebe Kollegen. Wie findet ihr das? Reibt ihr euch im Stillen die Hände, weil man euch bevorzugt? Oder dämmert euch, dass die Welt, in der Frauen diskriminiert werden, eigentlich nicht die ist, in der ihr selbst leben wollt? Und die ihr euch auch nicht für eure Partnerinnen und Töchter wünscht? Ihr gruselt euch über die Weltlage, in der wir einen reaktionären patriarchalen Backlash erleben, fühlt euch aber nicht persönlich betroffen? Ihr seid abgestoßen von den Weinsteins und Epsteins dieser Welt und habt Mitgefühl für die Pelicots und Fernandes‘, wisst aber nicht, was das mit euch zu tun hat?
Ich frage euch deshalb so provokant, weil wir Frauen langsam müde werden, uns immer wieder allein an diese Klagemauer zu stellen. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass ich mich mein ganzes Berufsleben lang mit der Machete durch diesen Dschungel aus Widerständen gekämpft habe, um jetzt festzustellen, dass hinter mir alles wieder zuzuwachsen droht…
Wir brauchen die Unterstützung von allen Männern, die guten Willens sind. Drehbücher spiegeln die Gesellschaft, – hinterfragt daher eure Stoffe und Figuren kritisch. Sorgt für die Sichtbarkeit von Frauen in Filmen, auch jenseits der 40. Widersprecht, wenn Frauen in eurer Gegenwart gedisst werden. Kämpft auch für die Quote und für gerechte Bezahlung. Bekämpft Misogynie im Netz. Das ist auch in eurem Interesse, denn wie wir wollt auch ihr in einer fairen Gesellschaft leben. Hoffe ich zumindest… Daher möchte ich mit einem Zitat von Vaclav Havel enden:
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Die Verwirklichung des Artikel 3 des Grundgesetzes („Niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt oder bevorzugt werden“) werde ich wohl nicht mehr erleben. Aber ich weiß, dass es Sinn für Frauen und Männer macht, dafür zu kämpfen.
Dorothee Schön

Dorothee Schön. Foto privat
Als mir Dorothee Schön vor einiger Zeit ihren Brief zu lesen gab war ich ziemlich erschüttert, allein schon aufgrund der ,Filmkritiken‘, aber auch, weil ich mit den dunklen Seiten einer erfolgreichen Drehbuchkarriere nicht so vertraut war. Ich bat sie, ihn auf SchspIN veröffentlichen zu dürfen – auch um ihn außerhalb des DDV bekannt zu machen und womöglich eine breitere Diskussion in der Branche zu befeuern – die Hoffnung stirbt zuletzt! Sie stimmte netterweise sofort zu.
Ich hab sie übrigens auch auf bisherige Reaktionen aus DDV-Reihen auf ihren Brief angesprochen. Sie sagte mir:
„Ich habe tatsächlich einige Rückmeldungen bekommen, allerdings nur von Frauen und einem einzigen Mann.“
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