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Gedanken einer Schauspielerin

Gerechte Teilhabe: Ja es geht.

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Kein Aprilscherz: die Hälfte der Tatorte von Autorinnen – #jaesgeht

Am 1. April habe ich auf Instagram die ARD-Meldung gepostet, dass 2022 die Hälfte aller TATORT-Drehbücher von Autorinnen stammen, also von einer oder mehreren Frauen geschrieben werden. Auch nicht von gemischten Teams sondern ganz ohne Männer:

Meldung auf Instagram am 1.April: "2020 werden die Hälfte aller TATORT-Drehbücher von Autorinnen stammen."

Meine Meldung auf Instagram am 1. April 21.

Dieser Beitrag wurde zig Mal geliked und auch in diversen Instastories geteilt. Einziger, mehrfach geäußerter Kritikpunkt an der Meldung bezog sich auf den Halbsatz „und freuen uns auf diese Herausforderung.“ Denn tatsächlich, was soll daran eine Herausforderung sein, für 18 Drehbücher Autorinnen bzw. Autorinnenteams zu finden?

Zwei mal wurde die Frage nach einem Aprilscherz gestellt, von crew united und von der Komponistin Verena Marisa, die sogar nach einer Pressemeldung der ARD gesucht und keine gefunden hatte.

Die ARD bzw. der Tatort-Instaaccount, die getaggt wurden, haben nicht reagiert. Weder mit einem „Gute Idee, das machen wir“, noch mit einem Dementi, noch mit einem „Haha, witzig“.

Denn in der Tat, es war ein Aprilscherz. Und ein solcher funktioniert am besten, wenn die Meldung zwar ungeheuerlich aber nicht unwahrscheinlich ist.

Radio Bremen 4 hatte vor Jahren mal quer durch alle Sendungen des Tages verbreitet, dass die Kelly Family mit ihrem Hausboot nach Bremen ziehen würden. Mit Außenreporter:innen vor Ort an der Weser und dem vollen Programm. Das war dann schon fast tragisch, denn ganz viele Fans hatten sich an dem genannten Anleger versammelt und warteten sehnsüchtig auf die singende Familie. Kinder sagten, dass Kellykind Sowieso ja in ihre Klasse kommen und neben ihm sitzen könnte. Rührend.

Ähnlich enttäuschend ist es natürlich, wenn die von mir angekündigte Tatort-Neuerung nicht eintritt. Aber im Gegensatz zum Kelly Family-Aprilscherz ist hier eine Umsetzung möglich. Ja es geht. Relativ problemlos sogar. Und im Gegensatz zum damaligen Kelly Family-Umzug auch dringendes Gebot der Stunde.

#jaesgeht bunte Buchstaben

Zur Erinnerung: 2011 bis 20 lag der durchschnittliche Autorinnenanteil bei erstausgestrahlten TATORTEN bei 15 %, das heißt auf eine Frau kamen 5,7 Männer. 2020 hatten 8 der 36 TATORTE eine (Ko-)Autorin, aber nur ein Drehbuch wurde ohne (Ko-) Autor geschrieben (REBLAND, Erstausstrahlung 27.9.20). Edit 3.5.: Siehe auch Bekommen die TATORTE ein Quotenproblem?

Ebenso zur Erinnerung: Der Anteil von Autorinnen unter den Filmschulabsolvierenden im Fach Drehbuch beträgt 48 % (Quelle: FFA-Studie Gender und Film 2017). Es werden also an den staatlichen Filmhochschulen fast gleich viele Frauen wie Männer im Drehbuchschreiben ausgebildet.

Es gibt Autorinnen, sie werden nur nicht gebucht. Oder wollen sie nicht? Echt, sie wollen nicht für ein Format arbeiten, das vermutlich die höchsten Gagen im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen zahlt? Sicher gibt es welche, auf die das zutrifft, Frauen wie Männer. Aber es bleiben immer noch genug übrig. Und 50 % 2020 heißt ja auch nur, dass Autorinnen bzw. Autorinnenteams für knapp 20 Projekte gefunden werden müssen, die gute (vielleicht sogar wirklich mal innovative) TATORT-Drehbücher schreiben können. Das sollte doch nun wirklich möglich sein. Ich wiederhole mich da. Ich weiß. Und es langweilt mich schon selber.

Und ja, wenn die Hälfte der Drehbücher von Frauen stammen können nicht mehr 80 % oder mehr der Aufträge an Männer vergeben werden. Das ist simple Prozentrechnung. Und ja, das ist enttäuschend und vielleicht auch finanziell hart für manch einen Autor, der sich in der Vergangenheit darauf verlassen konnte, jedes Jahr ein oder mehrere Drehbücher dieses Formats verkaufen zu können. Ja, es gibt diese Gewohnheit, diese Connections, aber daraus lässt sich kein Recht, kein Daueranspruch ableiten. Die Zeiten ändern sich zum Glück, das öffentlich-rechtliche Fernsehen kann und darf nicht mehr nur bzw. in erster Linie für Filmmänner sorgen. Das diskriminiert Filmfrauen und führt zu einem schlechteren Fernsehangebot für das Publikum.

Also bitte, ARD und alle regionalen Sender: lasst den Aprilscherz Wirklichkeit werden, bleibt nicht an dem Punkt „mehr Regisseurinnen“ stehen, mindestens genauso wichtig (nee, wichtiger!) ist in meinen Augen ein Wandel der TATORT-Geschichten, um den ewigen male gaze endlich zu brechen. Ich hörte letztens von einer Regisseurin, dass sie Fernsehfilme nur übernimmt, wenn sie das Recht hat, die Drehbücher umzuschreiben, da sie so wie sie ihr angeboten würden oft gar nicht gingen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Wie wäre es mit Ausschreibungen, in denen ihr Exposés oder Treatments von Autorinnen für Eure TATORTE einladet? Auf jeden Fall schon mal für alle TATORT-Städte, die mit zwei Episoden in dem Jahr dran sind. Dann unbedingt Wiesbaden (in allen 9 Folgen 2010 – 2020 gab es noch nie eine Drehbuchautorin, nicht mal als Schreibteam). Und Köln, wenn ich richtig gezählt hab waren nur 4 der 81 Folgen 1997 bis 2021 ohne Beteiligung von Drehbuchautoren. Oder Münster: seit 2002 nur zwei der 38 Folgen von Autorinnen. Oder Niedersachsen: seit 2002 nur 6 von 28 Folgen von einer Autorin, das letzte Mal 2010. Oder Stuttgart: 27 Folgen seit 2006, einmal eine alleinige Autorin, Katrin Bühlig mit ALTLASTEN 2009. Ach, eigentlich ist in jeder Region Handlungsbedarf.

Ausschreibungen sind der passive Weg, die verantwortlichen Redakteur:innen können natürlich auch aktiv suchen. Das ist aber nicht so leicht, wie ich gedacht hätte. In der Autorenguide des Drehbuchverbands („Wir sind der Verband Deutscher Drehbuchautoren“) sind alle Autor:innen alphabetisch gelistet, aber über die Suchmaske kann ich nicht nach Autorinnen suchen. Auch in der Crew United-Datenbank geht das noch nicht, was schade ist, denn in beiden Fällen bekäme man gleich die dazugehörigen Viten verlinkt. Wie mir von Crew United mitgeteilt wurde soll diese Möglichkeit (für alle Gewerke?) mit dem nächsten Update voraussichtlich Ende Mai integriert werden. Gut!

Ich möchte auch den Brandbrief an Volker Herres et al. der Initiative Tatort: Drehbuch nicht unerwähnt lassen, gut 70 Drehbuchautorinnen sind als Unterzeichnerinnen am Ende des Briefes gelistet (insg. 83 Unterschriften), allerdings ohne Links zu Vita oder Webseite.

Vielleicht ist es auch an der Zeit, dass die Drehbuchautorinnen sich ähnlich wie die Cinematorgraphinnen und die Filmtonfrauen organisieren und sichtbar machen. Wenn es denn hilft um gefunden zu werden. Und abschließend möchte ich noch auf Scriptmakers von Sandra Ehlermann hinweisen: – dies ist allerdings ein kostenpflichtiges Angebot, über das Autor:innen gefunden werden können, alleine oder per sog. „Autorencasting„. „Scriptmakers bietet eine neutrale Schnittstelle für professionelle Drehbuchautoren und deren Auftraggeber. Dabei steht die Nachfrage des Auftraggebers im Vordergrund. Für die Autoren bedeutet das die reale Chance auf einen Auftrag.“ – die professionellen Autorinnen sind mitgemeint, es gibt mehr als 200 von ihnen in dieser Datenbank.

Was könnt  Ihr tun?

Wenn Ihr eine/n TATORT-Kommissar:in spielt, fragt doch mal nach, warum nicht mehr Autorinnen Eure Geschichten schreiben. Wenn Ihr TATORTE guckt, Autor:in oder sonst wie am Thema interessiert seid: sprecht darüber, schreibt darüber, fordert die 50 % TATORT-Autorinnen ein. Gerne mit dem Hashtag #jaesgeht, denn das tut es wirklich.

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Nachtrag / auf Nachfrage 3.5.: Die Zahlen, die ich in meinem Blog veröffentliche, stammen von mir. Für diesen Text beispielsweise die Frauenanteile der TATORT-Drehbücher. Als Quellen für Crew und Besetzung verwende ich hauptsächlich die ARD-Webseite, ergänzt durch Informationen von Produktionsfirmen, Filmportal, Crew United, IMDB u.a.m.

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