SchspIN

Gedanken einer Schauspielerin

Starke Frau, Auf die Fresse!

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Frauenfiguren im Fernsehen leiden lassen

Warnung: in diesem Text geht es u.a. um im Fernsehen dargestellte Gewalt gegen Frauen.

Warnung: einige der verwendeten Fotos können unangenehme Gefühle auslösen.

Kürzlich las ich den Appell von Liz Tucker, Vorsitzender von Women in Film and Television UK, zum Thema Gewalt gegen Frauen in fiktionalen Formaten. Er beginnt mit der Frage „Warum wird in so vielen Sendungen Gewalt gegen Frauen gezeigt?“ – was zu zwei älteren Texten von mir passt, einer veröffentlicht, einer unveröffentlicht, die ich im Anschluss vorstelle.

WFTV UK fragt Warum?

Liz Tucker schrieb am 1. November (Den ganzen Text findet Ihr auf der WFTV UK-Webseite und bei Broadcast Now, Hervorhebungen im Zitat von mir):

Wenn ich will, kann ich jeden Abend der Woche auf einer Vielzahl von Sendeplattformen Geschichten über Frauen sehen, die auf immer phantasievollere und grausamere Weise vergewaltigt, enthauptet und ermordet werden. Ich will es nicht, denn ich denke, es ist an der Zeit, dass wir alle, die wir in der Fernsehindustrie arbeiten, viel sorgfältiger über die Botschaft nachdenken, die wir aussenden, wenn wir ständig Fernsehkrimis und Dokumentarfilme produzieren, in denen Frauen die zentralen Opfer sind. In den letzten Jahren hat diese Art von Programm eine Lawine ausgelöst, und es scheint, dass sich einige Autor:innen und Regisseur:innen einen Wettstreit um die Eskalation der Gewalt liefern und sich immer anschaulichere und verstörendere Darstellungen der Ermordung von Frauen einfallen lassen. (…) Wäre es heute wirklich so schwer, sich neue, fantasievolle Plots auszudenken, die nicht brutale Gewalt gegen und Ermordung von Frauen beinhalten?

Nein. Natürlich nicht. Es muss nur gewollt werden.

Eine Zecke sticht in eine menschliche Brust.

Eine Zecke sticht in eine menschliche Brust. Foto: SchspIN

Teil 1 und 2 der Trilogie

In Deutschland sieht es ähnlich aus – ja, ich würde sogar sagen schlimmer, denn mein Eindruck ist, dass bei uns weniger angedeutet sondern die Gewalt deutlicher und drastischer gezeigt wird, auf eine unangenehme Art, durch die Männerbrille (Stichwort „male gaze“).

Am 12. Februar 20 ist mein Blogtext #mehralsLeichen – Schauspielerinnen können mehr als Leichen spielen erschienen:

Das deutsche Fernsehen ist bekanntlich recht krimiaffin. Immer mehr Formate, Reihen und Einzelfilme dieses Genres werden produziert, die immer seltener ohne in Szene gesetzte brutale Morde und Leichen in Großaufnahme auskommen. Dass ein spannender und unterhaltlicher Krimi auch anders geht erzähle ich am Beispiel einer schwedischen Miniserie, einem Gegengewicht zu den Filmen, die mit einer brutalen Vergewaltigung oder dem Fund einer jungen, hübschen, misshandelten, toten Frau beginnen. Schauspielerinnen können mehr als Opfer spielen.

Hier gehe ich neben anderem auch auf die unterschiedliche Bildsprache in Beispielen aus deutschen und britischen Krimis bzw. Krimiserien ein. In diese Zusammenhang passt auch Die Dramaturgie der Dusche vom 3.3.17:

Letztes Wochenende sah ich vier Filme, und in allen haben Frauen geduscht. Männer nicht. Das kann natürlich Zufall sein. Aber ganz abgesehen davon, wie ist das mit Duschen und Film, ist die duschende Figur ein Stilmittel, ein dramaturgischer Kniff? Ist Duschen filmisch das, was früher die Zigarette oder das Glas Alkohol war? Geht es um das Zeigen von Nackheit, Sauber- oder Verletzlichkeit? Um Erotik? Ist eine Dusche als Drehort besonders herausfordernd und als Schauplatz filmisch besonders reizvoll oder spannend?

Eine Ratte in der Stadt. Tot.

Eine Ratte in der Stadt. Tot. Foto: SchspIN

Den folgenden Text hatte ich größtenteils vor anderthalb Jahren geschrieben aber dann nicht abgeschlossen und veröffentlicht. Mit Grüßen an Kim Seidler, der ich ihn damals als „erscheint demnächst“ ankündigte, hier ist er nun:

Teil 3: Gequälte Frauen in Großaufnahme

Neulich wurde ich von der Journalistin / Autorin / Dramaturgin Gisela Wehrl für die Zeitschrift AUSLÖSER interviewt. Sie fragte mich u.a., ob es neben der schönen jungen nackten Frauenleiche (#mehralsLeichen) noch ein anderes unerfreuliches Muster gäbe, das mir immer wieder im deutschen Fernsehen begegnet, speziell in deutschen Fernsehkrimis. Ich antwortete, dass mir mehrere Filme aufgefallen waren, in denen sogenannte „starke Frauen“ (konkret: Kommissarinnen) körperliche Gewalt bis hin zu Mordversuchen erleben mussten. Und dass Bilder dieser schrecklichen Erlebnisse öfters in sozialen Netzwerken auftauchten.

Fernsehkrimifestival 2020, zwei Wettbewerbsfilme

Den Dresden-Tatort DAS NEST (Drehbuch Erol Yesilkaya, Erstausstrahlung 28.4.19). Hier geht es um einen Mörder, der seine Opfer „gezielt ausbluten lässt, um die Leichen dann zu konservieren und ausgestopft zu Familienszenen zu gruppieren“ (Quelle Wikipedia). Warum er das macht, geht im Laufe der 90 Minuten unter, ich kann mich nicht erinnern, dass es aufgeklärt oder auch nur noch einmal erwähnt wurde. Jedenfalls, auch die Kriminaloberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) wird von dem Mörder (Benjamin Sadler) angegriffen, er betäubt ihren Sohn, nachdem er sich – wie eigentlich? – problemlos Zugang zu ihrer Wohnung verschafft hatte. Und er betäubt auch sie, bringt sie in sein Haus in den Keller und beginnt auch sie auszubluten. Das wird gründlich gezeigt, wir sehen immer wieder die gefesselte, auf einen Tisch gebundene Frau, ihre todesangstgeweiteten Augen, den Beutel der sich mit ihrem Blut füllt. Es sah nach deutlich mehr als bei einer Blutspendenmenge von 450 bis 500 ml aus, vielleicht ein Liter? Die Kamera (Carlo Bobby Jelavic) folgt dem Blick des Täters auf Gorniak oder zeigt das Geschehen von außen, ich erinnere nicht die Perspektive von Gorniak, ihren Blick auf den Täter. Sie kann sich trotz immensem Blutverlust am Ende zur Wehr setzen und überlebt.

Der zweite Film war der Rostocker Polizeiruf 110 DER TAG WIRD KOMMEN (Drehbuch Florian Oeller, Erstausstrahlung 14.6.20). Hier wird direkt zu Beginn Kriminalhauptkommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) zusammengeschlagen, als sie eine Frau, die von zwei Männern belästigt wird, schützen will. Außerdem wird sie von einem verurteilten Straftäter (Peter Trabner), den sie mit manipulierten Beweisen ins Gefängnis gebracht hat, nachdem ihm ein anderer Mord nicht bewiesen werden konnte, quasi ferngesteuert gequält. Jemand (und zwar ein Ex-Häftling (Björn Meyer), der ausgerechnet im Wohnhaus von König als Hausmeister arbeitet – und Schlüssel zu allen Wohnungen hat? Hab ich nicht verstanden) manipuliert in seinem Auftrag Medikamente und Salben in Königs Badezimmer, von denen er irgendwie weiß? und deren Anwendung sie in der Folge in einen psychotischen Zustand versetzen. Wird auch sehr ausgedehnt gezeigt. Die starke Frau, die am Boden liegt. Gleich zwei Mal.

Keine Quallenverbrennung sondern Anzeichen einer Borreliose.

Keine Quallenverbrennung sondern Symptome einer Borreliose. Foto: SchspIN

Drastisches Bild, Beschreibung

Eine blonde Frau steht frontal zur Kamera, ihr Blick geht in die Ferne. Dicht an sie gepresst steht ein Mann, der ihr die linke Hand auf die Schulter legt, mit der rechten Hand drückt er ihr ein Messer an die Kehle.

Eine dunkelblonde Frau scheint auf dem Boden zu knien, wir sehen sie fast im Profil. Ihr Blick ist auf eine Hand gerichtet, die von schräg oben eine Pistole auf ihren Kopf richtet.
Die dunkelblonde Frau sitzt auf einem Stuhl, ihre Hände sind hinter der Lehne gefesselt. Wir sehen sie im Profil. Ihr gegenüber in vielleicht 1,5 m Abstand steht ein glatzköpfiger Mann, der die Zähne fletscht und mit ausgestrecktem Arm eine Waffe auf ihre Brust richtet. Im Hintergrund zwischen den beiden sitzt ein schwarzhaariger Mann auf dem Boden, der sie beobachtet.

Wie die vorher erwähnten misshandelten Frauen sind auch diese Figuren Kommissarinnen: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) im Göttinger TATORT KRIEG IM KOPF (Drehbuch Christian Jeltsch, Erstausstrahlung 29.3.20) und Sonja Schwarz (Chiara Schoras) im Bozen-Krimi BLUTRACHE (Drehbuch Thorsten Näter, Erstausstrahlung 2.4.20). Es sind nicht nur Szenen aus den Krimis, sondern Motive, die als PR vom Sender verwendet wurden und die in den Sozialen Netzwerken gepostet wurden, auch von Beteiligten. Ohne Vorwarnung. 

Mehr Publikum durch „Sex Sells“ und „Gewalt gegen Frauen Sells“?

Es gibt einige solcher Bilder in den Sozialen Medien. Zwischen Fotos von Katzen, Schuhen, Essen, strahlenden Menschen und Stränden auf einmal ein Bild von einer Frau mit Messer am Hals. Einer bedrohten Frau. Einer blutüberströmten Frau. Ein Mann, der eine Frau angreift (mit den hashtags #newproject #esmachtspaß). Ist ja nur Fiktion, Filmfotos oder welche von den Dreharbeiten. Und es sind die Kanäle von Schauspieler:innen, Produktionsfirmen oder Sendern, da sollte man sich das doch denken können, bloß Bilder von der Arbeit. Nur, ist uns das immer schon sofort klar, oder reagieren wir emotional innerlich zunächst doch auf das Abgebildete, auf die bedrohliche Situation? Sind wir geschockt, aufgewühlt, oder ist das schon so normal in deutschen Krimis, dass es niemanden mehr berührt?

Es heißt es gibt heftige Publikumsreaktionen und -zuschriften, wenn beispielsweise Hunde in Krimis getötet werden. Aber nicht bei der Gewalt gegen Frauen, gegen Hauptfiguren? Zu normal? Starke Frau, Protagonistin, Publikumsliebling, Idol – auf die Fresse?

Ich verstehe nicht, welche Entscheidung dahinter steht, die weibliche Hauptfigur einer Reihe auf diese Art und Weise zu opfern. Sollte sie uns nicht inspirieren, sollen wir nicht mit ihr mitfiebern, uns vielleicht sogar mit ihr identifizieren? Tja, und dann wird sie ausgeblutet, vergiftet, geschlagen, bedroht. Damit wir sehen, dass sie ja in Wirklichkeit gar nicht so stark und erfolgreich und souverän ist. Sie sind ja anscheinend – wie die Beispiele aus Dresden und Rostock zeigen – nicht einmal in der Lage, ihre Wohnungen vernünftig gegen Kriminelle abzusichern, die ohne große Probleme eindringen mit ihren verbrecherischen Machenschaften (Betäuben des Sohns von der einen nebst Bedrohung und Entführung, sowie langsames Vergiften der anderen). Und dann hat die eine auch noch großes Pech mit ihrem verständnislosen und unsensiblen Vorgesetzten, aber das ist ein anderes Thema.

Eine Frage: Gibt es ähnliche Erlebnisse für die Kollegen, die Kommissare? Mir fallen keine ein, aber das heißt nichts, es gibt im deutschen Fernsehen so dermaßen viele Krimis, dass es gar nicht möglich oder auch nur erstrebenswert ist, alle zu sehen. Wenn Euch Beispiele einfallen, schreibt sie mir gerne. Danke!

Eine verweste Mausleiche

Eine tote Maus, leicht verwest. Berlin. Foto: SchspIN

Ein Mann hat Angst

Ach doch, es gibt in dem Krimi SÖRENSEN HAT ANGST (Drehbuch und Romanvorlage Sven Stricker), eine Szene, in der der Titelfigur, einem Kommissar, eine Waffe an die Schläfe gehalten wird. Das wirkte auf mich aber nicht wirklich bedrohlich. Zum einen, weil Sörensen (Bjarne Mädel) die Augen extrem zur Seite rollte, fast wie in einer Komödie. Und außerdem löste sich diese kurze Szene sehr schnell auf, denn die Waffe war nicht geladen, der Bedroher wenn ich das richtig erinnere ein leicht verwirrter Alkoholiker. Es hat jedenfalls bei mir nicht lange nachgewirkt, so wie mich die Geschichte der Figur Sörensen auch nicht wirklich berührte. Die Grundstory ist, dass er unter einer Angststörung leidet, und sich deshalb aus der Großstadt nach Friesland versetzen ließ, und dann eine Art einsamer Ermittler ist. Das mit der Angststörung hab ich aber nur mitbekommen, weil Sörensen es seiner neuen und Grunde wildfremden Kollegin (oder einer anderen Frau, das erinnere ich nicht mehr genau) ausführlich, tja, referiert. Trotzdem kann das Foto aber, das zur PR für den Film und zur Untermalung des Titels vielfach zum Einsatz kam, auf Betrachter:innen beunruhigend wirken.

Und das führt mich zu der Frage, warum es bei gewalttätigen Krimis im deutschen Fernsehen in der Mediathek so selten Warnhinweise gibt und warum Sender oder Schauspielerinnen diese Bilder in ihren Kanälen ohne Triggerwarnung teilen – was beispielsweise bei Instagram sehr gut möglich wäre: es könnte z.B. ein Balken mit TRIGGERWARNUNG! über das Foto gepostet werden, und darunter als zweites Bild eins ohne Warnung.

Die Hinterbeine eines toten Hasen

Hinterläufe eines toten Hasen. Foto: SchspIN

Die Serie verlassen

Zum Schluss möchte ich noch das Phänomen Serientod ansprechen. Das bedeutet nicht, dass eine Serie in Würde oder brutal beendet wird, sondern, dass eine Figur im Drehbuch stirbt und so die Serie oder Reihe verlässt.

Der Kreativität, wie eine Figur aus der Serie geschrieben wird, sind keine Grenzen gesetzt, sie könnte zum Beispiel einfach in eine andere Stadt versetzt werden, in den Vorruhestand gehen, die häusliche Pflege von nahen Angehörigen übernehmen, eine Weltreise unternehmen, wegen Bestechung ins Gefängnis wandern, den Beruf wechseln, heiraten und Hausmann/-frau werden u.a.m.. Es gibt viele Möglichkeiten. Die Figur kann auch sterben. An einer Krankheit, bei einem Verkehrsunfall, durch Mord oder Totschlag. Und da gibt es immer wieder sehr brutale Serientode von langjährig präsenten Frauenfiguren. Es folgen vier Beispiele. Ich muss dazu sagen, dass ich dreieinhalb der vier Krimis nicht gesehen habe, und auf öffentlich zugängliche Inhaltsbeschreibungen angewiesen bin:

Nadeshda Krusenstern

Tatort Münster. 18 Jahre gespielt von Friederike Kempter. Die Figur stirbt in DAS TEAM, einer Gemeinschaftsfolge mit Tatort Dortmund. Drehbuch Jan Georg Schütte, durch Improvisation entwickelt.
Krusenstern wird bei einem Coaching für sieben Kommissar:innen von dem Paderborner Kollegen (Friedrich Mücke) brutal erschlagen. Blutüberströmt in einem Schrank gefunden. Der Täter hatte eine Mordserie begangen, um versetzt zu werden „und zum Hauptkommissar aufzusteigen.“ Quelle Wikipedia. (Ach, so geht das mit dem Aufstieg? Nicht über Lehrgänge, Prüfungen und Bewerbungen?)
Krusenstern wurde kürzlich zur Kriminalkommissarin befördert und sie hatte sich verliebt. Lässt sich aus diesen beiden Vorlagen kein guter – spannender, interessanter oder witziger Ausstieg bauen? Echt jetzt?

Franziska Lüttgenjohann

Tatort Köln. 14 Jahre gespielt von Tessa Mittelstaedt. Die Figur stirbt in FRANZISKA. Drehbuch Jürgen Werner.
Lüttgenjohann wird von einem verurteilten Mörder und Vergewaltiger als Geisel genommen, ewig gequält, und am Ende mit einem Kabelbinder erdrosselt. „Auch an dieser Stelle wich die Kamera (Gero Steffen) nicht gnadenvoll aus, sondern blieb nahe bei Franziska und das Gesicht der Sterbenden, [das] wird dem Betrachter noch lange im Gedächtnis haften bleiben.“ (Quelle T-Online).
Auf Focus.de wird berichtet, dass Mittelstaedt der Dreh so nah ging, dass sie bei zwei Szenen sogar kurz aussteigen musste. Macht es einen TATORT besonders gut, wenn nicht nur die Figur gequält wird, sondern auch die Darstellerin? Wenn als Erinnerung an Franziska dieses Bild bleibt, das auch prominent auf der ARD-Unterseite zu finden ist: eine Frau mit einem Kabel um den Hals in der Macht eines Mannes.
Die Darstellerin Tessa Mittelstaedt wird auf der ARD Webseite zitiert: „Der Tatort aus Köln wird für mich immer etwas ganz Besonderes bleiben, und meine Rolle der Franziska ist mir sehr ans Herz gewachsen. Deshalb freut es mich besonders, dass Franziska vor ihrem Ausstieg beim Tatort-Team noch einmal richtig in den Fokus gerückt wird.“ Das geht nicht anders, als dass sie gefoltert und ermordet wird?

Julia Thiel

Usedom-Krimi. 6 Jahre gespielt von Lisa Maria Potthoff. Die Figur stirbt in WINTERLICHT. Drehbuch Scarlett Kleint, Alfred Roesler-Kleint, Michael Vershinin.
Julia Thiel wird in einer Jagdhütte an der Ostseeküste gefangen gehalten. Sie ist verletzt und wurde von ihren Peinigern nur notdürftig versorgt. Als ein Mann sie vergewaltigen will, kann sie diesen mit einem Geweih töten und flüchtet ins Freie. (…) [Später] wird Julias Leiche von Spürhunden gefunden.“ Sie wurde „auf der Flucht vor polnischen Kriminellen von diesen ermordet“ (Quelle Wikipedia).
Filmkritiker Rainer Tittelbach meinte „Selten haben sich hierzulande Autoren beim Rausschreiben einer Hauptfigur aus einer Reihe so große Mühe gegeben“ (Quelle) – dem kann ich nicht wirklich zustimmen. Wie der Wikipedia-Beschreibung der vorangegangen Folge zu entnehmen ist wurde Thiel kurz zuvor vom Dienst suspendiert. Daraus hätte sich kein anderes Ende der Figur denn als Mordopfer entwickeln lassen?

Lona Vogt

Nord bei Nordwest. 7 Jahre gespielt von Henny Reents. Die Figur stirbt in IN EIGENER SACHE. Drehbuch Holger Karsten Schmidt.
Nachdem Lona Vogt aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen ist, übernimmt Jacobs als Polizist „in Teilzeit“ die Ermittlungen in Schwanitz zu einem Mordfall auf einem Hof. Nachdem Vogt wieder ihren Dienst angetreten hat, ist sie dennoch nicht wieder hundertprozentig in Form. So konnte es passieren, dass sie einem Zweikampf mit einem Mörder unterliegt und (…) erschossen wird.“ (Quelle Wikipedia). Zu früh wieder zur Arbeit zurückgekehrt, das ist aber wirklich Pech.)
Diesen Film habe ich zumindest zum Teil gesehen. Ich erinnere mich, Vogt geht in die Wohnung einer ermordeten Frau. Dort wird sie von einem Mann überrascht. Man sieht, wie sie kämpfen, wie sie gewürgt wird, wie sie erschossen wird, wie sie zu Boden fällt. Und stirbt.
Von der Zeitschrift Brigitte wird die Schauspielerin gefragt, ob sie damit zufrieden ist, wie die Figur aus der Serie ausscheidet. Reents: „Ich finde, dass die Autoren Holger Karsten Schmidt und Nils Holle den Ausstieg sehr geschickt umgesetzt haben. Die Figur erlebt eine emotionale Achterbahnfahrt, die sich über drei Folgen zieht. Das ist ein Geschenk für jeden Schauspieler.“ Ja aber ist es das?

Geht das wirklich nicht anders?

Natürlich tut es das. Ich fordere ja gar nicht, dass massive Gewalt, die Polizist:innen mitunter im Dienst erleben, kein Thema sein darf. Nur, warum müssen die Frauen immer gequält werden, auf ganzer Linie unterlegen sein, sterben?

Einen anderen Weg ist wieder einmal die britische Serie SCOTT & Bailey (Idee Sally Wainwright) gegangen. Die drei Hauptfiguren Janet Scott, Rachel Bailey und Jill Murray geraten unabhängig voneinander im Laufe der fünf Staffeln in lebensbedrohliche Situationen, werden angegriffen, gewürgt, beinahe ermordet, verbluten fast nach einer Messerattacke. Und sie leiden unter den Folgen dieser Angriffe. Denn alle drei überleben.

Warum nicht bei uns? Warum können (postuliert „starke“) Frauenfiguren nicht anders aus Serien rausgeschrieben werden? Und die Schauspielerinnen, warum freuen die sich so sehr darüber anstatt ein ähnlich anspruchsvolles Serienende nur eben ohne brutal ermordet zu werden einzufordern?

Ein toter Frosch auf dem Asphalt

Ein toter Frosch. vetrocknet. Foto: SchspIN

Und das bringt mich zu den Beispielen von Männern mit Serientod. Genaugenommen habe ich nur eins gefunden. Zwei andere Fälle, die ich (bei nicht gründlicher Recherche) fand, waren:

Mario Kopper

Tatort Ludwigshafen. 23 Jahre gespielt von Andreas Hoppe. Er stirbt nicht, aber jemand anderes und löst so seinen Weggang aus, in der Folge KOPPER (Drehbuch Patrick Brunken).
Als Sandro sein Vorhaben scheitern sieht, verliert er die Nerven und springt vor Koppers Augen von einer Brücke in den Tod. Damit hat Kopper nun aber auch keinen Zeugen für die Notwehr in der Bar. Aufgrund seiner Eigenmächtigkeiten wird er aus dem Polizeidienst entlassen. Nachdem das Strafverfahren gegen ihn eingestellt wurde, verlässt er Deutschland und kehrt zu seinen Wurzeln nach Sizilien zurück.“ (Quelle Wikipedia)

Matteo Zanchetti

Bozen-Krimi. Fünf Jahre gespielt von Tobias Oertel. Er verlässt die Serie lebend in TÖDLICHE STILLE (Drehbuch Thorsten Näter), bekommt einen neuen Job und beschert der ehemaligen Kollegin indirekt noch eine Beförderung.
Nach Ende der elften Episode verlässt Zanchetti die Kripo Bozen (und damit die Serie): Er wechselt auf eigenen Wunsch zur Anti-Mafia-Behörde Direzione Investigativa Antimafia in Rom. In einer der letzten Szenen der zwölften Episode erhält Sonja ein Ernennungsschreiben: Sie übernimmt künftig selbst den Capo-Posten.“ (Quelle Wikipedia)

Der einziger Serientote unter den Kommissaren und anderen männlichen Dauerrollen in Krimireihen, den ich finden konnte (wie gesagt, ich kenne nicht alle) ist:

(Vorname?) Lessing

Tatort Weimar. Neun Jahre gespielt von Christian Ulmen. Stirbt in DER FEINE GEIST (Drehbuch Murmel Clausen).
Die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Der Schock dürfte sitzen: Fernsehkommissar Lessing aus dem Weimarer „Tatort“ ist tot. Zwar schien er an der Seite seiner Partnerin Kira Dorn am Freitagabend im Krimi „Der Feine Geist“ zu ermitteln und den soeben gekauften gemeinsamen Altbau zu renovieren. Doch tatsächlich war er bereits zu Beginn des Films gestorben und begleitete seine Partnerin nur als beratender Geist durch den Fall, wie man schließlich erfuhr. (…) [Die Pressestelle des MDR teilte mit]: „Der Tod unseres Kommissars Lessing und die Fortführung seiner Figur als Geist war ein kreativer Vorschlag von Christian Ulmen.“ Die Anregung habe der MDR als eine spannende Entwicklung betrachtet und sie deshalb aufgenommen.“ Quelle Süddeutsche.
Es scheint hier eher ein Schock über das Ausscheiden des Kommissars zu sein und weniger über den Mord oder Totschlag, der sein Leben beendete und der nicht wirklich zu sehen war. Auf Wikipedia heißt es dazu: „In der mit rotem Rauch gefüllten und daher unüberschaubaren Höhle geht Lessing vorsichtig voran, woraufhin der Täter einen einzelnen Schuss auf ihn abgibt.“

Können das Frauen auch

Haben die von Serientoden betroffenen Schauspielkolleginnen für ihre Figuren keine ähnlich kreativen Ideen gehabt – „beratender Geist!“ -, oder sind sie nur nicht mit ihren Vorschlägen durchgekommen?

Die oben genannte Nadeshda Krusenstern ist übrigens auch noch mal kurz als Tote zu erschienen, im Tatort LIMBUS (Drehbuch Magnus Vattrodt). Aber das wirkt doch recht passiv, sie ist jedenfalls deutlich weniger Teil der Handlung als Lessing, der acht Tatort-Folgen nach ihr zum Geist wurde: „Auch die (…) ermordete Kommissarin Krusenstern wartet dort noch immer auf ihre Einordnung ins Jenseits, allerdings ist sie dem Vorzimmer zur Hölle offenbar falsch zugeteilt worden – sie gilt als Kandidatin für den Himmel. Als sie endlich in diesen aufgenommen werden soll, verabschiedet sie sich mit einem Lächeln.“ Quelle Wikipedia.

Ein Fuß, eine Narbe, eine blaue Naht

Ein Knöchel, eine Narbe, eine blaue Naht. Foto: SchspIN

Ich frage Warum?

Warum ist das so, warum werden (oder wurden? Ist der Trend schon wieder vorbei?) deutsche Krimikommissarinnen soviel brutaler Gewalt ausgesetzt, sie zu Opfern gemacht, demontiert? Warum gibt es diese brutalen Serientode von Kommissarinnen und anderen langjährigen weiblichen Krimifiguren? Macht sich da jemand Gedanken? Passiert das einfach? „Oh, die anderen haben ja schon, dann machen wir das auch„? Gibt es einen Zusammenhang zur traurigen Tatsache, dass der überwiegende Anteil von 90-Minüter Krimidrehbüchern im deutschen Fernsehen von Männern geschrieben sind, und der überwiegende Anteil von 90-Minüter Fernsehkrimis von Männern gefilmt werden? Erzählen Drehbücher von Autorinnen andere Geschichten oder Geschichten anders und würden sie die weiblichen Hauptfiguren nicht so ändern?

Warum traut sich niemand, diese gezeigten Gewaltorgien, die sich eben auch gegen die vermeintlich „starken“ Frauenhauptrollen (und immer wieder gerne gegen schwache Kinder) richten, endlich einmal auszusetzen?

Und wenn da schon – vielleicht – irgendwelche Männer (Autoren, Regisseure, Redakteure zum Beispiel) gedankenlos waren, was ist mit den Darstellerinnen? Täuschen die Begeisterung über die Fallhöhe der Figur oder die körperlichen Szenen und das krasse Make-Up darüber hinweg, dass sie vielleicht dem Publikum, das etwas besseres als antiquierte Frauenbilder erwarten sollte, einen Bärendienst erweisen?

Und schließlich: Warum sind wir hier in Deutschland schon so abgestumpft, dass fast jede Art, eine Frau physisch zu quälen und umzubringen, es schließlich bildhaft und ohne Warnung in den 20.15 Uhr-Fernsehkrimi schafft – und kaum noch jemanden kratzt? Warum sind die Standbilder der Gewalttätigkeit gegen Frauen so oft die PR-Aufhänger und werden von Beteiligten ungefiltert und ohne Warnung in die Sozialen Netzwerken geschoben?

Warum ruft der – selbstverständlich berührende – gewaltsame Tod eines Hundes größere Publikumsproteste hervor als der einer Frau?

Haben Euch die heutigen Fotos mehr irritiert bzw. gestört als die beschriebenen Bilder gequälter oder getöteter fiktionaler Frau?

Frau mit blutender Gesichtsverletzung nach Unfall. Foto: SchspIN

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