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Gedanken einer Schauspielerin

Fordert Veränderung – Demand change

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Zum Jahresende 2021 wurde ich von der italienischen Journalistin, Soziologin und Autorin Stefania Medetti interviewt. Sie lebt aktuell in Thailand und betreibt u.a. das englischsprachige Blog The Age Buster, das sich schwerpunktmäßig mit den Themen Alter, Alterswertschätzung und Altersdiskriminierung befasst. Das Interview nebst Einleitungstext über ihre Erfahrungen in Deutschland erschien am 13. Januar 22 unter dem Titel Demand Change.

Mit Stefanias freundlicher Erlaubnis hier die deutsche Fassung. Grazie sincero!

Stefania Medetti

Demand Change – Fordert Veränderung

Nur wegen meiner Liebe zu Katzen fand ich mich an einem frostigen Valentinstagmorgen unter den hohen Bögen des Mailänder Hauptbahnhofs wieder. Ich stand vor dem Zug, der mich nach Deutschland bringen sollte, und schaute auf die Gleise, die sich außerhalb des Gebäudes in einem nebligen, blassgelben Licht erstreckten. Ich dachte an meine Großmutter, die als Fünfzehnjährige in einen Zug mit Dampflokomotive stieg, um als Dienstmädchen in die Stadt zu kommen. Zwei Generationen später, etwas älter als sie, reiste ich in die Richtung, aus der sie kam (sie wurde an der Grenze zu Österreich geboren), um als Au-pair zu arbeiten und mein Deutsch zu verbessern. Die Familie wollte eine spanische Kandidatin, aber in meinem Einführungsschreiben erwähnte ich Katzen, und das überzeugte sie, dass ich trotzdem gut zu ihnen passte. Als der Zug nach Osten und dann nach Nordosten fuhr, zogen zuerst die Ebenen und später die Weinberge vor meinem Fenster vorbei. Als der Zug die Alpen erreichte, fuhren wir durch ein enges Tal zwischen zwei hohen Bergwänden, und dann waren die Namen der Bahnschilder auf Deutsch geschrieben.

Als ich den Hauptbahnhof in München verließ, schneite es bereits. Schneeflecken sprenkelten meinen dunkelgrünen Kunstpelzmantel, als ich in ein blassgelbes Mercedes-Taxi stieg. In einer Zeit, als es noch kein Internet gab, stand die Adresse meines Ziels auf einem Zettel, den ich dem Fahrer reichte. Wir fuhren eine strenge dreispurige Straße entlang, die von zwei Reihen blattloser, hoher Pappeln gesäumt war. Das Auto hielt vor einem imposanten, modernen gotischen Gebäude, das in Hellblau und Weiß gestrichen war. Durch eine Glastür gelangte man zu einer wunderbaren, alten Holztreppe, die spiralförmig an der Gebäudewand entlanglief und bei jeder Stufe knarrte. Die Treppe umgab die Glassäule des Aufzugs, und als sich die Türen öffneten, schauten mich drei blonde Gesichter in extraklein, klein und mittelgroß neugierig an. Ihre rothaarige Mutter stellte mich den Kindern vor, zeigte mir das Haus, die Katze Mathilde (der ich diese glückliche Begegnung verdankte) und mein gemütliches Zimmer: ein riesiges Fenster mit Blick auf die Straße, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Bücherregal an drei Seiten des Zimmers mit einem Zwischengeschoss oben und einer bauernhofähnlichen Leiter, um dorthin zu gelangen. Unter den aufmerksamen Augen der Kinder räumte ich meine Kleider in den weißen Kleiderschrank in Puppengröße. Eines der Kinder schenkte mir eine Zeichnung, die es gerade angefertigt hatte, und wir wurden sofort Freunde.

Ich habe wertvolle Erinnerungen an diese Monate. Die rationale Gestaltung der Stadt, die Freundlichkeit der Menschen, die Leichtigkeit der Dinge, die extreme Einfachheit des Lebens. Eine Art unterirdische Ordnung regelte alles wie eine Uhr. Der Morgen begann mit der Lokalzeitung auf dem Tisch, einem großen Glas Müsli, selbstgemachter Marmelade, Schwarzbrot, Butter und frischer Milch. Ich lernte über ökologische Entscheidungen, Jahrzehnte bevor das Wort zum Mainstream wurde. Ich trug einen Holzkorb mit Glasflaschen, die ich an der Milchzapfsäule im örtlichen Supermarkt auffüllte. Ich ging auf der rechten Seite des Bürgersteigs, abseits der immer belebten Fahrradwege. Ich saß mit Freunden in Cafés und aß Dampfnudeln nach bayerischer Art, entdeckte das ungeahnte Vergnügen, einen Biergarten nur einen Schritt von zu Hause entfernt zu haben, und die Leichtigkeit der abendlichen Brotzeit. Es gab Wochenenden auf dem Land, barfüßige Kinder, die riesige und friedliche Kühe zum Bauernhof führten, Erdbeerpflücken an einem sonnigen Nachmittag. Eines Tages, ohne Vorwarnung, machte etwas in meinem Gehirn klick, und ich begann zu verstehen, wenn Menschen sprachen. Die Schönheit der deutschen Sprache, mit ihrer eleganten Struktur, überkam mich wie eine Welle. Sie klang wie betörende Musik. Ich hörte zu, und hörte zu, und hörte zu.

Als ich mich neulich mit Belinde Ruth Stieve unterhielt, brachten mich ihr Akzent, ihre Direktheit und ihr silberhelles Lachen zurück nach Deutschland, und ich fühlte einen Anflug von Wehmut für diese längst vergangenen Tage. Außerdem fühlte ich mich durch Belindes Geschichte bestärkt. Belinde Ruth Stieve ist Schauspielerin und Gründerin von NEROPA™ – Neutral Roles Parity, einem Gender- und Diversity-Tool zur Erhöhung des Frauenanteils und zur Förderung von Vielfalt auf der Leinwand, auf der Bühne, in Romanen und Spielen sowie zur Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung der Beteiligten. Angesichts der Diskriminierung beweist Belinde, dass wir immer etwas tun können, auch wenn es nur darum geht, den Umfang der Diskriminierung zu messen. Und das ist, wie sie zeigt, keine geringe Leistung.

Stefania: Erzähl uns etwas über Dich und Deine Geschichte.

Belinde: Ich bin Schauspielerin. Früher habe ich Theater gespielt und habe dann zu Film und Fernsehen gewechselt. Als ich über 40 wurde, wurde es immer schwieriger, Arbeit zu finden. Ich hatte weniger Projekte und wurde auch zu deutlich weniger Vorsprechen eingeladen.

Ich meine, es war nicht nur so, dass ich keine Rollen bekam, es gab auch nicht mehr so viele potenzielle Rollen. Wenn man die Caster:innen fragte: „Was ist Ihr neues Projekt, ist da etwas für mich dabei?“, und sie sagten: „Nein, wir suchen nur Frauen zwischen 15 und 25 oder über 70.“ Dann dachte ich, vielleicht ist das nur eine Ausrede, aber in Wirklichkeit wollen sie mich nicht, und da habe ich angefangen zu zählen, um das herauszufinden.

Was meinst Du mit „Zählen“?

Ich habe Strichlisten gemacht und weibliche und männliche Rollen in bestimmten Gruppen von Filmen gezählt, zum Beispiel die Fernsehfilme mit den höchsten Einschaltquoten, die 100 besten deutschen Kinofilme, Filme, die für Preise nominiert waren, Filme auf Festivals, die erfolgreichsten deutschen Krimis und so weiter. Es gab immer mindestens doppelt so viele Männerrollen wie Frauenrollen, manchmal sogar dreimal so viele. Ich habe auch angefangen, den Anteil von Frauen und Männern hinter der Kamera auszuwerten, aber das ist eine andere Geschichte. Auf dem Bildschirm habe ich auch mehrere Altersauswertungen vorgenommen, was natürlich eine Menge Arbeit ist, weil man das Alter aller Beteiligten herausfinden muss – und da war es klar, dass die weiblichen Rollen in der Fiktion 10, 15 Jahre früher abzunehmen begannen als die männlichen Rollen. Das gilt für Deutschland, aber das ist im Vereinigten Königreich und anderen europäischen Ländern genauso. Am Anfang steigen beide Alterskurven an, man hat mehr Rollen, je älter die Figuren werden. Aber dann hat die weibliche Kurve ihren Höhepunkt in der Altersgruppe 36 bis 40. Wenn man sich die männlichen Rollen anschaut, gehen sie bis 51 bis 55 oder sogar 56 bis 60 und nehmen dann allmählich ab, während es für Frauen über 40 vor der Kamera viel weniger Rollen gibt. Es gibt eine Handvoll älterer Schauspielerinnen, die die wenigen Rollen bekommen, die es gibt. Die Mehrheit der Schauspielerinnen, die früher regelmäßig gearbeitet haben, werden dagegen aussortiert.

Wann hast Du mit Deiner Analyse begonnen?

2013. Ich habe mit den Beispielgruppen von Filmen begonnen, über die wir vorhin gesprochen haben. Für die 100 erfolgreichsten deutschen Filme habe ich natürlich keine vollständige Altersanalyse der Darsteller:innen durchgeführt, das wäre zu viel für mich gewesen, also habe ich mir nur den erstgenannten Schauspieler oder die erstgenannte Schauspielerin der Besetzungsliste angesehen, also die Hauptdarsteller:innen. Was wirklich interessant war, war, dass bei den – weniger – Frauen die stärkste Altersgruppe die Kinder waren. Wenn man also eine weibliche Hauptrolle hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass es ein Kinderfilm ist, etwas mit Mädchen und Pferden, zum Beispiel. Die unter 18-Jährigen waren die größte Altersgruppe. Im Vergleich zum Fernsehen ist die Altersgrenze im Kino noch niedriger, und das gilt auch für Männer, aber sie sind immer noch älter als Frauen.

Wie viele Filme und Fernsehserien hast Du seit 2013 analysiert?

Hunderte. Wie gesagt, es waren immer Stichprobengruppen. Jetzt bekomme ich auch Aufträge, z. B. die Prime-Time-Krimis eines bestimmten Regionalsenders zu prüfen oder bestimmte Abteilungen hinter der Kamera unter die Lupe zu nehmen: Komponist:innenen, DoP (Directors of Photography) usw. Das von mir erwähnte erfolgreichste Krimiformat heißt TATORT und hat jedes Jahr etwa 35 neue 90-Minuten-Filme. Ich habe die Daten seit 2011 analysiert, so dass ich Veränderungen aufzeigen kann, z. B. beim Geschlecht der Hauptdarsteller:innen, bei den Hauptgewerken usw. Zum Beispiel gibt es heute viel mehr Regisseurinnen als noch vor fünf Jahren, was gut ist und ein Ergebnis der ständigen Arbeit der Lobbyorganisationen von Filmemacherinnen. Gleichzeitig hat sich die Altersverteilung der Darsteller:innen von 2013 bis 2019 nicht verändert. Außerdem gibt es, wie ich letztes Jahr festgestellt habe, ein altersbedingtes Phänomen bei der Regie. Die Frauen sind jünger als die Männer.

Bist Du die Einzige, die in diesem Bereich forscht?

Oh nein, zum Glück nicht. Im Jahr 2017 wurde eine große Studie über „Audiovisuelle Vielfalt“ von Professor Elizabeth Prommer und ihrem Team an der Universität Rostock veröffentlicht. Dieses Jahr haben sie eine neue Ausgabe davon veröffentlicht. Sie haben auch andere Forschungen durchgeführt und andere Universitäten beginnen ebenfalls in diesem Bereich.

Wie lassen sich Deine Ergebnisse mit denen von Professor Prommer vergleichen?

Ihre Ergebnisse sind natürlich viel detaillierter, da sie ein großes Team, Assistent:innen, Studierende und mehr hat, die die Daten sammeln können. Sie messen die Bildschirmzeiten, um die Größe und Bedeutung der Rollen zu bestimmen. Was mich betrifft, so bin ich auf mich allein gestellt. Ich schaue mir nur die Hauptcasts an, das sind im Durchschnitt etwa 8 bis 15 Rollen, und die erste Rolle auf dem Besetzungszettel. Professor Prommer bestimmt die Protagonist:innen je nach Handlung, aber sie sind in der Regel die ersten Namen auf der Liste. Unterm Strich bestätigen ihre Ergebnisse zu 100 % die Erkenntnisse aus meiner Stichprobenanalyse. Ihre Untersuchungen sind natürlich noch viel detaillierter. Sie betrachten auch das nichtfiktionale Fernsehen und Kindersendungen. Aber sie haben auch festgestellt, dass es doppelt so viele männliche wie weibliche Rollen in der Fiktion gibt und dass weibliche Charaktere schon in einem früheren Alter verschwinden. Sie untersuchten sehr detailliert die dargestellte Gewalt gegen Frauen auf dem Bildschirm, worüber ich ebenfalls geschrieben habe.

Der Grund, warum wir zu den gleichen Ergebnissen kommen, ist, dass wir uns ein Bild von der gleichen Realität machen. Natürlich kann jeder einzelne Film anders sein, aber wenn man eine Gruppe von Filmen hat, ändern sich die Ergebnisse nicht. Es ist überall dasselbe. Wenn es heißt, in den USA seien sie so viel besser, dann ist das Unsinn. Sie sagten: „Wir haben jetzt ‚weiblich geprägte Filme‘, wie STAR WARS VII, aber nur ein Viertel aller Rollen war weiblich. Ja, die Hauptrolle war eine Frau, Rey, gespielt von Daisy Ridley. Sie war in den meisten Szenen zu sehen, aber der größte Teil der Dialoge und Szenen mit Dialogen entfiel auf die Figur Finn, einen Mann.

Trotzdem protestierten die Leute: „Oh, eine weibliche Hauptrolle in Star Wars! Wie kann das sein?“ Dann gab es das Spin-off ROGUE ONE, und sie sagten: „Oh, das ist so wunderbar. Es ist weiblich und vielfältig.“ Wenn man sich das Filmplakat ansieht, sieht man acht Personen. Überraschung, Überraschung, eine Frau, sieben Männer. Die Männer waren sehr unterschiedlich. Sie waren schwarz, asiatisch und weiß. Einer von ihnen war blind, einer war alt, einer ein Androide, aber es gab nur eine Frau. Und wie vielfältig kann eine Person sein? Nicht sehr. Also war sie natürlich jung, schön und weiß. Klar.

Wie geht NEROPA diese Probleme an und wie wird es angenommen?

Ich habe NEROPA™ im Jahr 2016 erfunden, um einen Wandel herbeizuführen. Nach drei Jahren Forschung gab es genügend Beweise für ein systematisches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern und einen Mangel an Vielfalt, es war also Zeit zu handeln. Es funktioniert so, dass NEROPA zunächst die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verringert und dann die Besetzung aller Rollen diversifiziert, nicht nur der kleinen. Denn das ist schon einmal geschehen. Aus einem namenlosen männlichen Taxifahrer wird eine Frau gemacht und so weiter. Aber es ist wichtig, alle Rollen zu überprüfen, um diese übliche männerlastige Erzählweise zu durchbrechen. Bei jeder Rolle fragen wir: „Muss diese Rolle ein Mann sein?“, und vielleicht haben Sie zehn Rollen, bei denen Sie sagen, dass es egal ist, da es sich um neutrale Rollen handelt. Jede dieser Rollen wird abwechselnd mit einer Frau und einem Mann besetzt, beginnend mit der größten Rolle. Nach diesem Schritt arbeiten wir an der Vielfalt, Alter, ethnischer Hintergrund, Behinderungen und so weiter.

Eine Gruppe von drei Personen aus verschiedenen Filmabteilungen führt den ersten NEROPA-Check für alle Rollen durch. Der zweite Schritt, den ich als NEROPA-Feinabstimmung bezeichne, kann vom Casting Director durchgeführt werden, wenn er bzw. sie die richtigen Anweisungen und Kompetenzen hat.

Am Ende erhält man ein weniger klischeehaftes Bild. Ich spreche über NEROPA auf Panels bei Filmfestivals oder anderen Veranstaltungen. Ich arbeite viel mit Women in Film und Fernsehen zusammen und es gibt einige bekannte Regisseur:innen und Autor:innen, die beim Schreiben ihrer Drehbücher oder bei der Besetzung ihres Films mit meiner Methode arbeiten. NEROPA wird bei Theaterproduktionen eingesetzt, und ich hoffe, dass ich auch in der Spieleindustrie etwas bewirken kann, da die Erzählweise dort sehr, sehr männlich geprägt ist.

Es ist wirklich schwierig, Altersdiskriminierung festzustellen. Deine Arbeit ist ein Lackmuspapier unserer Kultur.

Vielen Dank! Es handelt sich um die einfache Verwendung von Strichlisten und Buntstiften. Fangt an mit Blau, Rosa und Grün, um Personen zu markieren. Ich verwende Blau für Frauen, Rosa für Männer und Grün für die Neutralen / Unbestimmten. Wenn Du das mit einer beliebigen Gruppe von Personen machst, sei es eine Filmbesetzung oder ein Regierungskabinett, hast Du sofort den Überblick. Und wenn Du andere Farben verwendest, kannst Du die vorhandene oder fehlende Vielfalt herausarbeiten. Man sieht, ob es eine Vielfalt an Altersgruppen, Ethnien, sexuellen Identitäten und Präferenzen gibt, Menschen mit einer Behinderung, Schwangere, Menschen, die nicht dem durchschnittlichen Körperbild entsprechen, und so weiter. In meinen NEROPA-Workshops verwende ich dazu dreiteilige Spielfiguren aus Holz mit verschiedenen Farben, das ist schön visuell und taktil.

Der Punkt ist, dass wir das, was wir sehen, für selbstverständlich halten, und es prägt unsere Sichtweise auf die Welt. Nehmen wir zum Beispiel die Nachrichten. In Deutschland gibt es viele Frauen, die die Nachrichten lesen, und natürlich sind sie alle schön und jünger als ihre männlichen Kollegen. Ich habe die Altersanalyse für die zwei oder drei wichtigsten Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen durchgeführt. Es war interessant, dass Frauen jünger anfingen und ihre Karriere früher beendeten als Männer, die später, sogar viel später, anfingen und länger dabei blieben.

Kürzlich habe ich die gleiche Analyse auf die Wettervorhersage in den Nachrichten angewandt. Das Muster ist noch merkwürdiger, denn die Männer sind im Durchschnitt auch älter als die Frauen, und die Frauen sind schlanker und schöner. Noch erstaunlicher ist, dass die meisten Männer, die den Wetterbericht präsentieren, tatsächlich Meteorologen sind, die meisten Frauen aber Schauspielerinnen. Möglicherweise wurden sie wegen ihres Aussehens und ihrer Präsenz vor der Kamera engagiert. Sehen Meteorologinnen nicht gut genug aus fürs Fernsehen?

Es ist wie in dem Film Die Matrix: Wenn man weiß, wo man hinschauen muss, sieht man überall Altersdiskriminierung und andere Formen der falschen Darstellung. Gibt es einen Ausweg aus dieser Situation?

Es kann Auswege geben, aber wir müssen unser Bewusstsein wach halten und das Gesamtbild betrachten. Ich glaube zum Beispiel, dass die Leute des Frauenthemas überdrüssig werden und sagen: „Ach, das ist jetzt vorbei. Jetzt gibt es andere Themen wie ethnische Vielfalt, geschlechtliche Vielfalt, sexuelle Vielfalt.“ Sie vergessen Alter, Behinderung, Körperbild, sozialen Hintergrund usw. und sie vergessen die Frauen. Kürzlich hat ein deutscher Film einen nationalen Filmpreis gewonnen, und alle waren begeistert, weil er einen schwarzen Hauptdarsteller hatte, viele schwarze Schauspieler, viele mit ethnischem Hintergrund, aber es waren nur zwei Frauen in der Besetzung. Und rate mal! Sie spielten Prostituierte.

Wenn man genau hinsieht, sieht man es überall. Ich habe neulich einen Tweet gesehen, in dem ein Manager sagte, er habe zwei schwarze Amerikaner, einen mit asiatischem Hintergrund, einen mit einer Behinderung und eine Frau in seinem Vorstand. Was hat das zu bedeuten? Ist die Frau schwarz, hat sie eine Behinderung? Nein, sie ist einfach eine Frau. Das ist wie ein Kästchen zum Ankreuzen: Ich habe eine Frau in einem Gremium von neun Personen. Die anderen, die Nicht-Frauen, sind sehr vielfältig. Wie anders wäre es, wenn er stattdessen sagen würde, ich will 50 Prozent Frauen, und dann alle diversifizieren, Frauen, Männer, alle. Das wäre der Weg, aber in Deutschland, und ich glaube auch in anderen Ländern, sagt man, wir reden schon so lange über Gleichberechtigung, wir haben es geschafft. Also, machen wir weiter mit was anderem.

Was ist Dein Rezept, um Sexismus und Altersdiskriminierung zu bekämpfen?

Ich verwende Farben, Diagramme, Fotos, unterhaltsame Texte und Humor. Ich biete den Menschen neue Blickwinkel, ungewöhnliche Formen der Darstellung. Allein die Tatsache, dass ich in meinen Diagrammen die Farbe Rosa für den Männeranteil verwende, irritiert viele, aber es bringt sie dazu, genauer hinzusehen und hinzuhören und darüber nachzudenken, was als normal gilt.

Bei der Antidiskriminierung besteht die Gefahr, dass man die Nuancen aus den Augen verliert…

Man sieht das in Deutschland zum Beispiel sehr deutlich bei türkischen Schauspielerinnen. Die meiste Zeit sind sie in Rollen, in denen sie von ihrer Familie unterdrückt werden. Natürlich passiert das in Deutschland, und es ist schrecklich, aber das ist nicht die Realität für die Mehrheit der türkischen deutschen Frauen. Aber sie werden immer noch mit dem Kopftuch in einer unterwürfigen Rolle dargestellt, und immer als eine Art Opfer, und das sind sie nicht. Wir müssen uns von unseren eigenen Stereotypen befreien.

Ein weiterer Teil der Gleichung spielt sich hinter den Kulissen ab, oder?

Ja. Ich habe auch Untersuchungen hinter der Kamera durchgeführt. Das ist ein weiterer Beweis für die nachteiligen Auswirkungen eines begrenzten Fokus. Alle reden von Filmen unter weiblicher Regie. Wenn sie auf einem Festival sprechen, sagen sie, wie viele Regisseurinnen es im Wettbewerb gibt, aber was ist mit der Geschichte? Wenn die Geschichte wirklich schlecht ist, spielt es keine Rolle, wer Regie führt. Man kann sie nur ein bisschen ändern. In deutschen Krimis, auch in den Tatorten zum Beispiel werden so viele junge Frauen umgebracht, das ist unglaublich. Der Film beginnt damit, dass sie umgebracht oder brutal vergewaltigt werden und dann tot sind. Man sieht sie halbnackt, und dann sieht man sie völlig nackt in der Gerichtsmedizin. Niemand scheint das seltsam zu finden. Na ja, nicht jeder. Aber das Publikum hat sich daran gewöhnt, weil wir es so oft sehen. Es steht in den Drehbüchern, und 80-90% davon werden von Männern geschrieben. Was könnte eine Regisseurin noch tun, wenn die Handlung bereits so angelegt ist?

Auch dank Lobbygruppen wie Pro Quote Film, die sich für einen Frauenanteil von 50 % hinter der Kamera einsetzen, ist die Quote für Regisseurinnen, wie ich bereits sagte, gestiegen. Aber das Gleiche gilt nicht für Drehbuchautorinnen. Die Zahl der Drehbuchautorinnen ist in der gleichen Zeit tatsächlich gesunken. Dann gibt es die Gatekeeper, die sagen: „Ja, wir können mehr Filme von Regisseurinnen haben, solange wir nicht weniger für die Männer haben.“ Wie kann das also funktionieren? Wenn wir sagen, Qualität ist der Gradmesser, dann würde man die besten Männer und die besten Frauen auswählen. Wenn die Mehrheit der Plätze für Männer reserviert ist, wie es jetzt der Fall ist, ist das ein Weg, um auch mittelmäßige Autoren aufzunehmen. Und schließlich gelten die gleichen „Regeln“ auch für die Kameraabteilung. Wenn der Kameramann ein Mann ist, was bekommt man dann, wenn nicht den männlichen Blick?

Ist Dir aufgefallen, dass man im Vereinigten Königreich offener für die Arbeit mit NEROPA ist als in Deutschland?

Nun, nicht die gesamte Branche, aber es gibt ein großes Interesse an dieser Methode, ja. Sie wurde teilweise verpflichtend bei der Beantragung von Filmfördermitteln gemacht. Das BFI hat sie in den Leitfaden für geförderte Projekte und in das Theater-Casting-Toolkit aufgenommen usw. Viele Regisseure und Produzenten haben in ihren Produktionen damit gearbeitet, aber gleichzeitig gibt es dort den gleichen Sexismus und das gleiche geschlechtsspezifische Lohngefälle wie bei uns in Deutschland, den gleichen Altersdiskriminierung im Fernsehen.

Ich weiß nicht, ob Du schon von der Fernsehserie LAST TANGO IN HALIFAX gehört hast? Das ist eine schöne Serie, aber es hat zehn Jahre gedauert, bis sie endlich fertig war. Sie wurde immer wieder abgelehnt, weil es eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen in den 70ern ist, die sich mit 20 Jahren verliebt und dann aus den Augen verloren haben und sich 50 Jahre später wieder getroffen haben. Man hat ihre Töchter und Enkelkinder, man hat Geschichten aus allen Altersgruppen. Die Schöpferin Sally Wainwright hat so lange gebraucht, bis sie es endlich geschafft hat, denn wer will das schon sehen? Alle wollten es. Es war sehr erfolgreich. Auf der großen Leinwand ist es anders. Ein Beispiel ist der neue Napoleon-Film, bei dem Ridley Scott Regie führt. Historisch gesehen war Josephine, die Frau von Napoleon, sechs Jahre älter als er. Jetzt ist die Schauspielerin, die Josephine spielt (Jodie Comer), 19 Jahre jünger als Joaquin Phoenix, der Schauspieler, der Napoleon spielt.

Wie hat sich durch Deine Arbeit Deine Einstellung zum Älterwerden verändert?

Zunächst einmal hatte ich nie wirklich ein Problem mit dem Älterwerden. Was meine Arbeitssituation angeht, so war es in gewisser Weise beruhigend zu wissen, dass es nicht an mir lag, aber es war auch frustrierend, weil mir klar wurde, dass es wirklich zu wenige Rollen für Schauspielerinnen gibt, wenn sie älter werden. Ich kann also nicht die Karriere machen, die ich mir erhofft habe, vielleicht sogar verdient hätte. Wenn es keine Rollen gibt, kann ich nicht viel tun. Viele Schauspielerinnen steigen aus, machen eine Ausbildung als Yogalehrerin oder Coach oder Lehrerin, arbeiten in der Alternativmedizin oder was auch immer, haben einen Nebenjob. Andere bleiben, aber es gibt nicht genug Rollen. Meine Methode, NEROPA, wird zu mehr Rollen für Frauen und auch für ältere Frauen führen. Aber das ist nicht genug. Wir brauchen einen neuen Ansatz für Filme und das Erzählen von Geschichten.

Manchmal denke ich, dass während meines aktiven Arbeitslebens keine Veränderungen stattfinden werden. Der Wandel ist zu langsam, und das ist sehr frustrierend. Denn normalerweise sagt man, wenn man sich etwas in den Kopf setzt, kann man es schaffen. Ich kann ein Drehbuch schreiben, Produzent:innen finden und das Geld auftreiben. Selbst wenn ich das tun würde, was eine Menge Arbeit ist, wäre es nur ein Film, eine Rolle, eine Serie, keine radikale Veränderung. Es macht mich traurig, dass sich die Arbeitsmöglichkeiten für meine Generation von Schauspielerinnen nicht viel ändern werden, bevor wir in Rente gehen.

Hat Deine Reise – mit Deinen Recherchen, Deinen Überlegungen, Deinem Schreiben – geholfen, mit dem eigenen Altersdiskriminierung umzugehen, mit der altersfeindlichen Sichtweise, die wir von uns selbst haben?

Das Gute für mich war, dass ich nie schön war. Als ich 25 war, sagten die Caster:innen: ‚Ein gutes Gesicht, ein Charaktergesicht‘. Ich sah zwar interessant aus, aber es war klar, dass ich nie die makellose Schönheit spielen würde. In gewisser Weise hat mir das geholfen, zu altern, denn ich hatte nicht den Schock, plötzlich nicht mehr attraktiv zu sein, weil ich nie auf diese Art und Weise attraktiv war.

Was dachtest Du, als Du erkanntest, wie die Dinge in Deiner Branche funktionieren?

Das war eine große Erleichterung. Denn als Schauspielerin sind wir immer sehr empfindlich und denken: „Oh, das liegt an mir, das liegt an mir.“ Ich hatte die Chance zu erkennen, dass es nicht an meinem mangelnden Talent liegt oder so. Es ist jetzt einfach hauptsächlich eine Frage des Alters. Und natürlich Glück.

Niemand bereitet uns darauf vor, mit Altersdiskriminierung konfrontiert zu werden. Zumindest hast Du über Deine Forschungen ein Bewusstsein dafür, aber die Mehrheit der Frauen und Männer wird einfach übergangen, ohne Erklärung, ohne irgendetwas. Wie siehst Du das?

Da hast Du Recht. Wenn man auf die Schauspielschule geht, sagt einem das niemand. Ich habe eine Freundin, die eine alte Ex-Schauspielerin in ihren 70ern ist. Sie erinnerte sich daran, wie ihre Mutter zu ihr sagte: „Ja, du kannst Schauspielerin werden, aber mach zuerst eine Ausbildung für einen richtigen Beruf.“ Also machte sie eine Ausbildung in einer Buchhandlung. Als sie älter wurde und nicht mehr in einem Theater arbeiten wollte, auch weil die neuen jungen Regisseure ihr das Theater erklären wollten, verließ sie die Bühne und eröffnete eine Buchhandlung und begann auch zu schreiben. Ich würde auf jeden Fall allen Leuten, die Schauspieler werden wollen, und vor allem Schauspielerinnen, raten, eine zweite Option zu haben und etwas, von dem sie in schlechten Zeiten leben können.

Es gibt diesen Moment, wenn man zu einer Filmpremiere oder einem Filmfestival geht, und gefragt wird: „Was machst du gerade, was drehst du gerade?“ Und wenn man nichts sagen kann, hat man das Gefühl: „Oh Gott, alle machen etwas, nur ich nicht.“ Das ist ziemlich hart und man fühlt sich wie eine Versagerin. Viele von uns fühlen sich als Versager:innen, aber es ist das System, das uns im Stich gelassen hat.

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