SchspIN

Gedanken einer Schauspielerin

Der Ton macht den Film

Der Ton macht die Musik den Film

Vor Jahren hatte ich bei einem Dokumentarfilm mitgewirkt, einem spannenden Projekt, das zu einem besonderen Film führte, einem (fast) sehr guten. Nur eben fast, denn der Ton! Er wurde meist nicht extra aufgenommen sondern der Kameraton verwendet. Sehr schlechte Qualität, was auch der Grund für eine Ablehnung durch diverse 3. Programme war. Das, und die Länge des Films. 52 Minuten, das passte auf keinen Sendeplatz, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Den Ton einer Filmproduktion verursachen jede Menge Menschen, nicht nur die Schauspieler*innen mit ihren Stimmen, Worten, Seufzern, Gelächter und ihren Schritten, und die Musiker*innen, aber eben auch die Geräusche, die Atmo und mehr, und das bringt uns zu den Filmschaffenden in der Tonabteilung. Da gibt es verschiedene Funktionen, und die werden in der Regel von Männern eingenommen.

Tonmeister*innen in Film und Fernsehen

Die erste Abbildung zeigt eine dieser Positionen, Filmtonmester*in, und hierfür den Frauenanteil in den TATORTEN und den Top 10 bis Top 100 deutschen Kinofilmen der letzten acht Jahre. Der Männeranteil unter den Absolvierenden an Filmhochschulen liegt bei 89 %.

Wir sehen, dass Tonmeisterinnen in jeder untersuchten Filmgruppe arbeiten. Allerdings, alle Werte – für die TATORTE, Top 10, 20, 50 und Top 100 deutsche Kinofilme – liegen unter dem 11 % weibliche Alumni-Wert. In einigen Jahren kommen gar keine Tonmeisterinnen vor, beispielsweise bei den TATORTEN 2012 und 2018 sowie den Top 10 Filmen 2012, 2014, 2016 und 2018. Ist Ton für Frauen das, was Kostümbild für Männer ist? Wird Tonmeisterinnen die Arbeit nicht zugetraut, so dass regelmäßig nur die Kollegen für Produktionen engagiert werden?

Quellen für die Zahlen sind die Datenbanken von Filmportal, Crew United, IMDB sowie Produktionswebseiten. Tonmeister*innen zu recherchieren ist oft am aufwändigsten in meinen 6-Gewerke-Checks.

Kleine Randnotiz: die Kurzinfo zu Seitenbeginn von Filmportal beinhaltet fünf Gewerke: Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt und Musik, bei Crew United sind es Regie, Drehbuch, Produktion (dazu bei Kinofilmen Verleih). Weitere Teampositionen (inkl. meist Ton / Tonmeister*in) sind auch erfasst. Bei IMDB stehen in der Kurzfassung lediglich Regie, Drehbuch und Stars, die übrigen Teampositionen, meist sehr unvollständig, folgen. Auf den TATORT-Seiten der ARD werden nur Musik, Kamera, Buch und Regie gelistet. Und bei Wikipedia stehen in der Regel Regie, Drehbuch, Produktion, Musik, Kamera und Schnitt. Ich finde aber Ton sehr wichtig, weswegen ich das Gewerk in meinen Vorschlag #2v6pN einbezogen habe.

Sechs Tonpositionen

Die Tonabteilung setzt sich aus einer Reihe von Arbeitsbereichen zusammen. Zu sechsen hat mir Vincent Lutz die entsprechenden Statistiken aus der Datenbank von Crew United zur Verfügung gestellt, die ja immer einen ganz guten Querschnitt der Berufstätigkeit liefert. Filmtonmeisterin, Filmtonassistentin, Geräuschemacherin, Mischtonmeisterin, Sound Editorin, Sounddesignerin. Eine Tätigkeitsbeschreibung dieser und weiterer Filmtonberufe findet sich auf den Seiten der bvft Berufsvereinigung Filmton.

In keinem Bereich erreicht der Frauenanteil 13 %. Das Genderungleichgewicht ist also deutlich extremer als beispielsweise im auch technischen Kameragewerk (2017: DoP Frauenanteil 9,9 %, 1. Kameraassistenz 15,9 %, 2. Kameraassistenz 31,4 %. Quelle Crew United).

Der niedrige Frauenanteil erschließt sich mir nicht so ganz. Bei Hörspielproduktionen und auch im Synchron habe ich häufiger Frauen als Männer am Tonband bzw. Aufnahmepult erlebt. Es gibt in aktuellen digitalen Zeiten sehr viele Youtuberinnen und Podcasterinnen, die sich mit der zugegebenermaßen wenig anspruchsvollen Tontechnik dafür auskennen. Trotzdem sind mir die Berührungsängste oder das Desinteresse nicht verständlich. Ich fand Ton immer schon sehr spannend, als Kinder haben wir mit zwei Kassettenrekordern eigene Hörspiele produziert, einer für die Stimmen, einer für die Atmo, z.B. einen Wald oder Straßenlärm. Aber das ist ein anderes Thema.

Und ehe ich lange über tontechnikunaffine Frauen sinniere oder spekuliere, frage ich bei den Filmtonfrauen nach.

Die Filmtonfrauen

Genau, dieses Jahr im Februar hat sich eine kleine Gruppe von Filmtonfrauen zu einem Netzwerk und Verein zusammen geschlossen. Warum? Dazu schreiben sie auf ihrer Webseite Filmtonfrauen.de:

Wir haben uns in dem Verein Filmtonfrauen e.V. organisiert, um gemeinsam die Sichtbarkeit von Frauen in der Filmtonbranche zu erhöhen. Derzeit sind nur 4% aller Filmtonschaffenden Frauen – das soll sich ändern!
Mit dieser Webseite möchten wir uns als Vorbild für alle an Ton interessierten Frauen präsentieren und uns gegen die Fortführung von stereotypen Rollenbildern zur Wehr setzen. Wir möchten junge Frauen dazu ermutigen, Tonberufe zu ergreifen und durch bessere Vernetzung und Austausch dazu beitragen, die Arbeitssituation von Frauen in der Filmbranche zu verbessern. Diese Webseite stellt uns und unsere Arbeit in all ihrer Vielfältigkeit dar und soll es erleichtern, schnell die richtige Tonfrau für ein bestimmtes Filmprojekt zu finden.
Wir möchten unser Netzwerk stets vergrößern und laden alle in der Filmtonbranche arbeitenden Frauen und nicht-binäre Geschlechtsidentitäten ein, sich uns anzuschließen.

Auf den Ton hören

Auf der Filmtonfrauen-Webseite sind aktuell knapp 20 Tonfrauen vertreten, es werden hoffentlich noch mehr. Mit zwei von Ihnen habe ich kurz gesprochen, mit Filmtonmeisterin Claudia Mattai del Moro (klangfarberei.com) und mit Soundeditorin / Sounddesignerin Felicitas Heck (twoleftears.de):

SchspIN: Wie landen Menschen in einem Tonberuf?

CLAUDIA: Es gibt verschiedene Ausbildungswege. Entweder über ein Studium an einer Filmhochschule die auch Filmton anbietet, über die duale Ausbildung Mediengestalter*in Bild und Ton oder über den „alten“ Weg des Praktikums, Tonassistenz/Angler*in. Das Studium und die staatliche Ausbildung bieten eine gute Grundlage und theoretische Ausbildung mit praktischen Elementen und ersten Kurzfilmerfahrungen. Es wird die ganze Tonbearbeitung gelehrt und gelernt. Je nach Ausbildungsbetrieb bzw. Interesse, entscheidet man sich danach in welche Richtung es gehen soll. Postproduktion oder Original-Ton (Set).

FELICITAS: es gibt keinen üblichen Weg. Viele kommen über die HFF Potsdam, oder haben an der UDK Tonmeister studiert (ich stehe mit der Frauenbeauftragten wegen einer Änderung des Studiengangtitels in Kontakt). Aber es gibt auch Leute, die sich nach einer tontechnischen Ausbildung im Filmtonbereich spezialisieren. Und viele haben auch eine musikalische Laufbahn und landen dann aber irgendwie beim Film. meine Vita ist da zwar stringent, aber nicht unbedingt repräsentativ.

SchspIN: Warum gibt es in Filmtonberufen so wenige Frauen? Kamerafrauen wird fälschlicherweise oft abgesprochen, „das schwere Equipment tragen zu können“, das dürfte bei Euch ja noch weniger der Fall sein.

FELICITAS: Es gibt so wenige Frauen, weil die Tontechnik zu den MINT-Berufen zählt und viele vor Technik, Mathematik, Physik zurückschrecken, bzw es Frauen einfach nicht zugetraut wird, sie schon in der schule schlechter bewertet werden etcetera. Und natürlich gibt es keine weiblichen Vorbilder.

SchspIN: In analogen Zeiten saßen in den Tonstudios beim Rundfunk immer Frauen am Band. War Ton am Filmset immer schon Männerdomäne oder hat sich das durch die Digitalisierung verändert, wie z.B. bei den Filmeditor*innen?

FELICITAS: Ja, auch im tontechnischen Bereich, vor allem in der Postproduktion, gab es früher sehr viel mehr Frauen. das hat sich im Zuge der Digitalisierung drastisch geändert. den Frauen wird ganz einfach die technische Kompetenz abgesprochen. Und auch hier spielt die Sozialisation und die schulische Ausbildung von Frauen* und Mädchen* eine große Rolle.

SchspIN: Macht es einen Unterschied, ob ein Tonteam am Set nur aus Männern besteht oder ob auch Frauen dabei sind?

CLAUDIA: Mir wird gesagt, dass es einen Unterschied macht als Schauspieler*in ob eine Frau oder ein Mann das Ansteckmikrofon anbringt. Wir wollen die Ansteckmikrofone ja „unsichtbar“ anbringen und müssen daher den Schauspieler*innen sehr nahe kommen. Da ist Respekt, Feinfühligkeit und Achsamkeit gefragt. Das können Männer auch. Ich persönlich arbeite meistens mit einem männlichen Assistenten dadurch haben die Schauspieler*innen die Wahl und können selber entscheiden, ob sie lieber von einer Frau oder einem Mann „verkabelt“ werden. 

SchspIN: Ihr schreibt auf Eurer Webseite: „Wir möchten junge Frauen dazu ermutigen, Tonberufe zu ergreifen“. Wo besteht denn gerade Nachfrage, egal ob an Frauen oder Männern?

CLAUDIA: Es gibt im Moment einen großen Bedarf an Tonassistent*innen / Angler*innen. Es gibt viel zu wenig Nachwuchs in diesem Bereich. 

SchspIN: Es gibt viele Youtuberinnen, die Bild und Ton selber machen. Das zeigt vielleicht, dass die Technikhemmschwelle nicht mehr so hoch ist. Was macht Filmtonberufe für Mädchen und Frauen interessant und attraktiv und welches sind die wichtigsten erforderlichen Eigenschaften?

CLAUDIA: Die Filmtonberufe sind kreativer als ihr Ruf. Technisches Wissen und Kenntnisse sind Mittel zum Zweck. So wie z.B. die Grafikprogramme für Grafikdesigner*innen. Meiner Meinung nach sind die wichtigsten Eigenschaften: Neugier, Freude an Klängen, Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen. Geregelte Arbeitszeiten sind wahrscheinlich eher die Ausnahme 😉 Interessante Menschen, lustige, anstrengende, aufregende, langweilige, aussergewöhnliche Situationen, Momente und Begegnungen sind eher die Regel.

FELICITAS: Die erforderlichen Eigenschaften für Filmtonberufe ergeben sich aus einer Kombination aus technischem Kowhow und Kreativität in Verbindung mit Empathiefähigkeit. Nur wenn die Stimmung gut ist, egal ob am Set oder im Studio, und sich die Schauspielenden wohlfühlen, bekomme ich auch eine gute Tonaufnahme.

SchspIN: Und warum bist Du Filmtonfrau geworden?

CLAUDIA: Ich habe mich schon immer für Klang und Technik interessiert. Bin aber erst Mitte Dreißig drauf gekommen, das zu meinem Beruf zu machen. Ich habe in der Schweiz einen Konzert-Tontechniker gefunden, der mich mitgenommen und angelernt hat. Nach drei Jahren auf Tour mit ihm wollte ich mal in einem Studio arbeiten. So bin ich nach Hamburg gekommen. Dort habe ich Trickfilme vertont und dann die Ausbildung zur Mediengestalterin Bild und Ton bei Studio Hamburg gemacht. Ich liebe es, immer wieder neue Herausforderungen zu haben. 

FELICITAS: Zum Ton bin ich über die Musik gekommen. Ich habe lange Klavier gespielt und bin nach einer tontechnischen Ausbildung eher zufällig in einem Filmton-Postproduktionshaus gelandet. Ein paar Jahre später habe dann noch einen Sound-Studies-Master an der UdK absolviert. Mein gut ausgebildetes Gehör auf kreative Weise einsetzen zu können, dadurch Filme emotional erfahrbar zu machen und neue Klänge zu erschaffen, ist mit jedem Film auf’s Neue, eine herausfordernde sowie schöne Aufgabe.

SchspIN: Wie ist bisher die Resonanz auf die „Filmtonfrauen“ unter Kolleg*innen und allgemein in der Branche?

FELICITAS: Von vielen erhalte ich sehr positives Feedback. Oft höre ich aber auch, dass die Frauen* Angst davor haben in die „Feministinnen-Ecke“ gestellt zu werden wenn sie auf unserer Webseite sichtbar sind. Sie befürchten, dann vielleicht weniger Jobs zu bekommen. Das finde ich sehr problematisch. Eigentlich müsste es doch umgekehrt sein, oder? Diejenigen die sich nicht klar zum Feminismus bekennen, dürften keine Jobs mehr bekommen und schon gar nicht in Entscheider*innen-Positionen sein.

SchspIN: Dankeschön! Und alles Gute für Euer Netzwerk.

 

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