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Gedanken einer Schauspielerin

Tatorte zum Jahresende

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Tatorte 2019 – Tatort Drehbuch

Ehe das Jahr 2019 zuende geht, – aber noch nicht das Jahrzehnt! – hier ein kurzes Update zur ARD-Reihe TATORT und der Autorinneninitiative Tatort: Drehbuch. Wer führte Regie, wer schrieb das Drehbuch? Wer spielt die Hauptrollen und wer zeichnet verantwortlich für Kamera, Ton, Schnitt oder Musik?

Ich habe bereits mehrfach die TATORTE analysiert unter verschiedenen Aspekten, wie den Frauenanteilen in 6 Gewerken und im Hauptcast seit 2011 und der Situation in den einzelnen Regionen. Beispielsweise:

Der Grund ist nicht, dass ich TATORT-Fan wäre oder Krimis liebte oder auch nicht wirklich, weil es als prestigeträchtigstes fiktionales Format gilt (mit den höchsten öffentlich-rechtlichen Gagen?) – sondern nicht zuletzt, weil die Datenausgangslage so günstig ist und das die Analyse vereinfacht. Denn es gibt die TATORT-Unterseiten auf ard.de, wo auf Alle Fälle die Filme der letzten TATORT-Jahrgänge aufgelistet sind. Das ist toll, denn wenn ich z.B. die ZDF Fernsehfilme der Woche analysieren will ist allein schon die Recherche der Titel aufwändig, die nicht online aufgelistet zu finden sind. Von den TATORTEN finde ich neben den Titeln auch den Hauptcast sowie in der Regel drei bis vier Teampositionen: Regie, Drehbuch, Kamera und Musik. Für TATORT-Fans gibt es dazu noch Fotos und Inhaltsangaben und Interviews und Infos von den Drehs und die verwendeten Musiktitel. Guter Service, Danke!

TATORTE 2019: Der 6-Gewerke-Check

Heute zeige ich zunächst den 6-Gewerke-Check für die 37 TATORTE, die 2019 erstausgestrahlt wurden und die in 20 verschiedenen Städten spielten, am häufigsten in Köln und Wien (jeweils dreimal). Dargestellt sind prozentual die Frauen- und Männeranteile:

Wie mittlerweile recht bekannt sein dürfte liegt der Frauenanteil unter den Absolvierenden der Filmhochschulen für das Fach Regie bei 44 %, der Regisseurinnenanteil für die 2019er TATORTe hingegen ist davon allerdings noch weit entfernt, er erreichte noch nicht einmal die niedrig gesetzte Degeto-Marke von 20 %.

Im Drehbuch stellen Frauen fast die Hälfte (48 %) der Filmhochschulabsolvierenden, und 2019 hat sich der Frauenanteil bei den TATORT-Büchern gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Das ist aber keine große Leistung, denn 2018 war der Wert dermaßen im Keller, dass er auch in diesem Jahr immer noch deutlich weniger als ein Drittel des Absolvierendenwertes beträgt. Immerhin, im zweiten Halbjahr wurden zwei Tatorte erstausgestrahlt, die nur von Frauen geschrieben wurden: DAS LEBEN NACH DEM TOD (Berlin. Sarah Schnier) und BAUM FÄLLT (Wien. Agnes Pluch), im ersten Halbjahr gab es das nicht, die Autorinnen kamen da lediglich in gemischten Teams vor.

Zur Kamera lässt sich sagen, dass erstmals eine Frau einen Weimar-TATORT filmte: Aline Lazlo in DIE HARTE KERN.Mit Cornelia Janssen in Ludwigshafen (MALEFICIUS) und Eva Katharina Bühler in Berlin (DAS LEBEN NACH DEM TOD) standen im zweiten Halbjahr zwei weitere Frauen hinter der Linse.
Ergänzung 4.1.: im ersten Halbjahr hatte Jutta Pohlmann in Luzern AUSGEZÄHLT gefilmt (siehe TATORTE und Standort, was läuft FM-mäßig?).

Ton 0 %. Null. Wie im Vorjahr keine Tonmeisterin. Frauenanteil Alumni 11 %.

Schnitt: Der Editorinnenanteil liegt weiter deutlich über 50 %, und somit auch deutlich über dem weiblichen Alumnianteil (51 %). Ich hoffe immer noch auf eine Untersuchung, z.B. eine Umfrage unter Editor‘innen und Produzent*innen, warum der Editorinnenanteil im deutschen Kino soviel niedriger ist als im Fernsehen.

Musik: Komponistinnen unter 5 %.

Die nächste Abbildung zeigt diese Ergebnisse eingebettet in die Tatorte der letzten 9 Jahre:

Drei der sechs Gewerke haben 2019 einen Frauenanteil erreicht, der über dem Mittelwert der acht vorangegangenen Jahre liegt. Das waren Regie, Kamera und Schnitt, wie die nächste Abbildung zeigt:

Die Situation in den TATORT-Städten hat sich also nicht wirklich geändert. Nachlesen, in welcher Region 2011-19 beispielsweise keine Regisseurin, Autorin oder Kamerafrau alleinverantwortlich war könnt Ihr in TATORTE und Standorte, was läuft FM-mäßig?

POLIZEIRUFE 2019

Falls Ihr Euch fragt, wie es 2019 bei den POLIZEIRUFEN 110 aussah: Es waren acht an der Zahl, alle in männlicher Regiehand, ebenso wie die Musik. Bei Kamera und Ton war jeweils einmal eine Frau alleinverantwortlich – Leah Striker filmte DUNKLER ZWILLING und Petra Gregorzewski war Tonmeisterin bei ZEHN ROSEN. Noch besser lief es im Gewerk Drehbuch mit einem Frauenanteil von 30,8 % (Katrin Bühlig schrieb MÖRDERISCHE DORFGEMEINSCHAFT, dazu kamen zwei gemischte Teams: Christina Sothmann, Lars Jessen und Elke Schuch schrieben KINDESWOHL und Sija Clemens, Stephan Rick, und Thorsten Wettcke TOD EINER JOURNALISTIN.

Alle erstgenannten Rollen in den acht POLIZEIRUFEN sind weiblich. Das wundert mich etwas, denn vor einiger Zeit sagte mir jemand aus dem Rostock-POLIZEIRUF-umweld, dass Charly Hübner aufgrund der familiären Nebengeschichte seiner Figur immer mehr Drehtage hat als Anneke Kim Sarnau, die an 1. Stelle steht. Aber vielleicht hat sich das mittlerweile geändert. Oder es gilt auch wie bei ZDF-Fernsehfilmen: Schauspielerinnen werden bei Duos automatisch zuerst genannt.

Übrigens, meine Hoffnung für den ersten München Polizeiruf mit der neuen Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) hat sich leider nicht erfüllt. Ich schrieb in Nachgereicht: Der Polizeiruf 110 hinter der Kamera:

Im letzten Fall von Brandt (57) Ende 2018 spielte Maryam Zaree (35) seine Kollegin. Ihre Figur Nadja Micoud wurde ja leider aufgrund des Fehlverhaltens des Kollegen von Meufels im Dienst erschossen (…). Wobei ich hoffe, dass im ersten Fall der jungen Nachfolgerin zumindest im Nebensatz ein Disziplinar- oder Dienstaufsichtsvergehenverfahren oder wie das heißt gegen ihren Vorgänger zur Sprache kommt.

TATORTE 2019: Und vor der Kamera?

Während der Altersanalysen fiel mir auf, dass manche Schauspieler*innen Nebenrollen in verschiedenen TATORT-Regionen hatten. Die meisten in zwei, eine Kollegin in drei TATORTEN (Stuttgart, Weimar, Frankfurt / Main). Das hält das Publikum beweglich („war der nicht vor zwei Wochen in TATORT blablabla?“) aber zeigt natürlich außerdem, dass die TATORTE unabhängige Produktionen sind. Deswegen ist eine Quote schwerer umsetzbar als eine Aufgabe für alle (wie mein Vorschlag #2v6pN) und ist vielleicht auch die Folge des begrenzten Schauspielpools, der gerüchteweise für Haupt- und wichtige Nebenrollen im ÖR Fernsehen Praxis ist.

Die nächste Abbildung zeigt die Altersverteilung der 175 Schauspielerinnen und 269 Schauspieler, die für die Hauptcasts der 37 TATORTE 2019 gelistet sind (das Alter von 4 Männern und 1 Frau, hab ich nicht herausgefunden). Die Verteilung ist ähnlich wie die im Sommer (siehe TATORTE und Standorte: was läuft FM-mäßig?), jüngere Frauen – Spitze in der Altersgruppe 36-40 Jahre – und ältere Männer – Spitze 56-60 Jahre:

Als Rollenkategorien habe ich wieder die Erstgenannten und die Hauptcasts verglichen, wobei die Hauptcasts die Rollen umfassen, die auf der ARD-Webseite erscheinen. Die nächste Abbildung zeigt die Werte für 2019 im Vergleich zu den Mittelwerten aus den TATORTEN 2011-18, das Bild spricht für sich – und ja, das Orange ist die 50 %-Linie:

Und nochmal, was ist los beim Drehbuch?

Wie schon im Sommerartikel hab ich auch diesmal wieder genauer geguckt, wer die Drehbücher verfasst hat, Frauen (kaum), Männer (meistens), alleine oder im Team? Aufschluss gibt die folgende Abbildung, die die 2019er Werte für die fünf Kategorien Autorin alleine, Autor alleine, mehrere Autorinnen, mehrere Autoren und gemischte Teams denen für 2011 bis 2018 gegenüberstellt:

Fazit 1: Die wirklich schon schlechten Werte für Bücher, die nur von einer Autorin oder mehreren Autorinnen verfasst wurden, sind gegenüber dem Vorjahresmittel noch weiter abgesunken. Fazit 2: Männer schrieben 2019 prozentual häufiger in Teams als in den Vorjahren. 

„Warum arbeitet Ihr nicht mit Drehbuchautorinnen?“

Diesen Titel meines Artikels vom 17. April d.J. über deutsche und britische Drehbuchautorinnen, die sich nicht mit ihrer stark benachteiligten Situation abfinden wollten und sich an die Sender wandten und auch an die (Branchen-)Öffentlichkeit, will ich an dieser Stelle noch einmal aufgreifen. Warum arbeiten TATORT-Redaktionen und -produktionsfirmen so selten / ungern mit Autorinnen? Warum haben sie diese nicht auf dem Schirm? Trauen ihnen weniger zu? Kennen keine? Oder ist es umgekehrt, machen die Autorinnen sich rar, wollen sie alle keine TATORTE schreiben? Haha, ein Scherz.

Die Autorinneninitiative Tatort: Drehbuch

Mehr als 80 Autor*innen unterzeichneten einen Brandbrief an die ARD-Sender, in der sie die desolate Situation für Autorinnen bei den TATORTEN thematisierten und eine 50:50 Auftragsvergabe für TATORT-Drehbücher an Autorinnen und Autoren forderten (auf der Webseite der Initiative tatort-drehbuch.de im vollen Wortlaut abrufbar).

Antworten ließen lange auf sich warten, und als sie kamen, wirkten sie eher nach Abwiegeln als nach dem Einstieg in einen Dialog. Die Initiative sah sich schließlich im November zu einem Offenen Brief veranlasst, in dem es unter anderem heißt:

(…) im März diesen Jahres schrieben wir Ihnen einen von 83 Drehbuchautorinnen und -autoren unterzeichneten Brandbrief und informierten Sie über die strukturelle Benachteiligung von Frauen bei der Auftragsvergabe von Tatort-und Polizeiruf-Drehbuchverträgen. (…) In Ihrer Antwortmail schreiben Sie, dass sich Kreativität nicht quotieren lasse. Nun lassen sich rund 6 Prozent Drehbuchautorinnen im Verhältnis zu 94 Prozent Drehbuchautoren im Jahr 2018 wohl kaum dadurch begründen, dass allein nach künstlerischer Qualität entschieden wurde.Nur eine größere Heterogenität bei der Verteilung der Aufträge führt dazu, dass das Fernsehen unsere Gesellschaft in ihrer Vielfalt repräsentiert. Denn anders als das deutsche Fernsehen ist die Gesellschaft schon lange divers. Wir bringen uns gerne ein, um über Inhalte, Rollenbilder und Perspektiven zu sprechen. Als höchster Sendervertreter haben Sie es in der Hand, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass der notwendige Kulturwandel eingeleitet wird. 

Die Webseite ist aktuell noch recht minimalistisch, ausführlicher haben sich die Initiatorinnen beispielsweise gegenüber der blackbox, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sowie Deutschlandfunk Kultur geäußert. Nachzulesen / -hören hier:

Wer die Initiative Tatort: Drehbuch unterstützen möchte kann dies beispielsweise mit einer Unterschrift unter den Brandbrief tun, egal ob selber Autor*in, anderes Mitglied der Filmbranche oder nicht. Auf der Webseite der Initiative stehen die Infos, im Grunde reich eine Email mit dem Betreff „Unterzeichnen“ mit dem vollständigen Namen, und optionalen Angaben wie Wohnort und Beruf.

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Ich hoffe sehr, dass 2020 das Jahr ist, in dem die Anliegen der Autorinnen Ernst genommen werden und dass die TATORTE aufhören, eine Männerangelegenheit zu bleiben. Im übrigen werden in Deutschland zu viele Krimis produziert. Fernsehen kann mehr.

Prost Neujahr!

 

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