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Gedanken einer Schauspielerin

Carpe Temporem – Nutzt die Zeit!

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Die Filmbranche im Corona-Stillstand

Seit Wochen und Monaten haben wir – mittlerweile abgeschwächt – Corona-Alarm und den Corona-Stillstand, oder wie auch immer diese Phase im Nachhinein genannt wird. Die Film- und Fernsehbranche stand lange Zeit still, befand sich in einer Art Wartemodus, noch mehr Schauspieler*innen als sonst waren und sind ohne Arbeit. Nur vereinzelte Produktionen wurden fortgesetzt, z.B. der Dresden TATORT („Rettung so nah“), Vorabendserien wie NOTRUF HAFENKANTE und Telenovelas wie STURM DER LIEBE und ROTE ROSEN. Allmählich beginnen jetzt auch weitere Produktionen, allerdings immer noch mit der großen Unsicherheit, wie die Gesundheit aller Beteiligten geschützt werden kann (siehe auch Dreh unter Corona: Wie war das mit der Solidarität?) und ob sie tatsächlich an erster Stelle steht und mit der Frage, wie viele Szenen umgeschrieben, wie viele Auflösungen und Regieeinfällen verändert werden müssen.


Nutzt die Zeit! Gelegenheiten und Chancen

Es war und ist natürlich völlig in Ordnung, in diesem Stillstand gar nichts zu tun außer Spazieren zu gehen und Schokolade zu essen. Oder sich um die Familie zu kümmern oder einfach nur mit dem Alltag klarzukommen (so etwas einfaches und sinnvolles wie Abstandsregeln zu beachten scheint viele Mitmenschen zu überfordern oder zu provozieren, das kann so zu nicht unerheblichem Stress führen).

Die Notpause wurde in der Filmbranche unterschiedlich genutzt. Verleiher und Produktionsfirmen warteten darauf, dass die verschobenen Kinostarts nachgeholt werden können oder wechselten zu Streamingdiensten. Andere standen und stehen in den Startblöcken, bereit, Projekte fortzusetzen oder endlich anfangen zu dürfen. Casting Directors mach(t)en sich mit weniger bekannten Schauspieler*innen vertraut und sichten deren Material mit mehr Muße als sonst. Drehbuchautor*innen, Redaktionen und Produktionsfirmen können sich länger mit Stoffen und der Überarbeitung von Drehbüchern beschäftigen in der verlängerten Vorproduktionszeit (wie oft werden Bücher noch nach Drehbeginn umgeschrieben!). Filmschaffende überarbeiten ihr Bewerbungsmaterial, Schauspieler*innen produzieren neue Videoclips (z.B. für die Aktionen #wirspielenzusammen und #becreativeathome) oder buchen zahllose, überwiegend neu entstandene Onlineweiterbildungen.

Lernt neue Leute kennen

In der Film- und Fernsehbranche, beispielsweise bei der Zusammenstellung von Produkitonsteams läuft (zu) viel über Vitamin B. Wie wäre es stattdessen mit Vitamin N? Regisseur*innen, Produzent*innen und Redakteur*innen können herausfinden, wie viele ihnen noch unbekannte Filmleute, vor allem wie viele kompetente Filmfrauen es gibt, und sie für mögliche zukünftige Projekte entdecken. Kamerafrauen, Tonmeisterinnen, Filmkomponistinnen gibt es nicht? Doch.

Weiter gerne, aber anders

Die Hoffnung, dass irgendwann der Filmarbeitsalltag einsetzt und wieder gedreht wird, hegen wir alle, oft gepaart mit dem berechtigten Wunsch, dass es dann anders ablaufen soll als bisher. Ich beispielsweise wünsche mir Modelle, wie bei uns der in Dänemark und wohl auch Norwegen schon lange normale 8-Stunden-Drehtag eingeführt werden könnte, und als Schauspielerin und Teil des Publikums wünsche ich mir mehr Mut zu anderen Gesichtern und anderen Geschichten. Um nur zwei Wünsche zu nennen. (Mehr auf Anfrage!)

Interessengemeinschaften und andere Organisationen entwickeln Ideen und starten Onlinepetitionen und Aufrufe, teils bezüglich Finanzhilfen, teils bezüglich der Art und Weise, wie produziert wird, was, und mit wem.
Die Benachteiligung und damit zusammenhängende Unterrepräsentanz von Filmfrauen ist umfassend untersucht und belegt, jetzt sind Veränderungen, Verbesserungen, Abhilfe, sind Lösungen gefragt. So hat Pro Quote Film Mitte Mai den Aufruf gestartet Wenn die Filmwelt wieder anläuft, dann nur mit Quote!, der zunächst etwas schleppend startete. Vielleicht weil es aktuell noch mehr Petitionen als sonst gibt. Und noch mehr Newsletter, noch mehr digitale Informationen. Und Christian Drosten, der gemeinsam mit den  Wissenschaftsjournalistinnen Korinna Hennig und Anja Martini  für den Grimme Online Award nominiert wurde für den NDR – Der Coronavirus-Update Podcast; da muss man ja auch noch alle Nominierten checken und
abstimmen. Vielleicht auch weil Appellen, egal wie berechtigt und argumentativ gut formuliert sie sein mögen, meist der entscheidende Hebel zur Umsetzung fehlt. 

Hinter der Kamera machen Geschlechterquoten Sinn, wobei es mit der konkreten Umsetzung so eine Sache ist. Deshalb hatte ich vor einiger Zeit den Vorschlag #2v6pN Zwei von Sechs (plus NEROPA) ins Spiel gebracht, zu dem sich jede Produktion freiwillig verpflichten könnte, von jetzt auf gleich. Das erfordert keinen großen Aufwand, kein zusätzliches Geld, keinen Gesamtüberblick über mehrere Produktionen oder Sendeplätze. Weil es für jede Produktion einzeln angelegt wird. Es geht natürlich auch ein Sechs von Fünfzehn oder was sonst was. Und nein, ich finde es nicht sinnvoll zum derzeitigen Zeitpunkt, 50 % aller Heads of Department für Frauen zu fordern. Da können wir gerne ein anderes Mal ausführlicher besprechen. Nur so viel: Bei #2v6 habe ich berücksichtigt, dass nur 25 % ausgebildete Kamerafrauen und nur 11 % Tonmeisterinnen die Filmhochschulen verlassen (zu den Filmkomponistinnen gibt es keine wirklichen Ausbildungszahlen), deshalb nicht drei von sechs. Aber keine Sorge, #2v6 im deutschen Film und Fernsehen wäre schon eine kleine Revolution. Zur Erinnerung: 71 % der Top 100 deutschen Kinofilme 2018 und 73 % der TATORTE 2019 haben diesen Wert nicht erreicht, da gab es ein oder gar kein Head of Department in den Gewerken Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Schnitt und Musik. TATORTE werden mit öffentlichen Geldern finanziert und die allermeisten Kinofilme habe aus irgendeinem Topf – sei es Filmförderung  oder Beteiligung von öffentlich-rechtlichen Sendern – Geld erhalten. Da könnte doch eine Kopplung an Grundgesetzwerte (z.B. an den Artikel 3) in der Teamzusammensetzung eingearbeitet werden.
Auch hier gibt es die Möglichkeit, dass eine einzelne Produktion mit der Methode arbeitet oder eine Redaktion oder Filmförderung die Beschäftigung mit oder Anwendung von NEROPA verpflichtend macht.

Mehr weibliche Vielfalt vor der Kamera

Eine 50 % Quote für Frauenrollen kann natürlich eine gute Forderung sein, allein, die Umsetzung ist nicht ganz so einfach wie es bei der Vergabe der Teampositionen hinter der Kamera möglich wäre.
Deshalb habe ich ja die Methode NEROPA Neutrale Rollen Parität erfunden, die im ersten Schritt (NEROPA Check) das in Drehbüchern üblicherweise vorhandene Männerübergewicht zugunsten von Frauenrollen abbaut, so dass wir eine größere weibliche Altersvielfalt bekommen und mehr Frauenfiguren mit einen Beruf. Und im zweiten Schritt (NEROPA Feinschliff) die Diversität des Figurenensembles ausweitet.

Es können natürlich auch Regisseur*innen die Methode anwenden, oder Autor*innen!

NEROPA ist effektiv, bunt und macht Spaß.

Frauen und andere Minderheiten

Soweit so gut. Nun gibt es seit einiger Zeit leider die wie ich finde unglückliche Tendenz, Gender als eine von vielen Diversitätskategorien zu betrachten. Und ich werde immer wieder von Menschen angesprochen, die sich für die Interessen einer Gruppe einsetzen – beispielsweise queerer Menschen oder von Rassismus Betroffener – die mich auffordern, genau ihre Kategorie in den NEROPA Check aufzunehmen. Dann fänden sie meine Methode gut und würden sie auch weiterempfehlen. Also analog zur 50:50 FrauMannFrauMann Umwandlung neutraler Rollen – steht alles auf der NEROPA-Webseite – irgend etwas zu etablieren, das ,ihre Gruppe‘ stärker in Erscheinung treten lässt. So verständlich ihr Anliegen sein mag, so ungeeignet ist ihr vorgeschlagener Weg.

Die Hälfte der Menschheit und auch der meisten Gesellschaften sind Frauen (den Vatikan z.B. nehme ich da mal aus; obwohl ich keine Bevölkerungsstatistiken gefunden habe, nur dass 17 % der Beschäftigten weiblich sind). In Deutschland sind 25 % der Bevölkerung über 65 Jahre, also alt. Ungefähr 80.000 Menschen sind gehörlos, 150.000 blind, 300 bis 800.000 schwarz, 17 Millionen haben einen Migrationshintergrund und und und. Geschlecht, Gender also als eine Kategorie von vielen?

Es gibt leider immer wieder und noch Beispiele die zeigen, dass dieser Ansatz der falsche ist – nehmen wir OCEANS 11, 12 und 13 oder in jüngerer Zeit (wo schon ein vermeintlich anderes Bewusstsein herrschte) ROGUE ONE. Große Vielfalt im Hauptcast, junge, alte, weiße, schwarze, asiatische, Menschen, auch jemand mit psychischer oder physischer Behinderung und wen nicht noch, aber das nur bei den männlichen Figuren. Dazu dann ein oder zwei sehr gut aussehende, meist jüngere, meist weiße Frauen, vielleicht sogar als Hauptrolle. Oder bloß als nebensächliches Love Interest.

Diversität und Gender, mit Holzfiguren.

Diversität und Gender. Der Sockel zeigt das Geschlecht (hellblau = weiblich, rosa = männlich), der Mittelteil Diversitäten wie Alter, Behinderung, Sexualität, Region / Dialekt, sozioökon. Hintergrund u.a.m., der Kopf die Hautfarbe.

Ein anderes Beispiel für diesen mMn falschen Ansatz sah ich unjüngst zufällig auf Twitter:

Die Frau gehört zu keiner Ethnie. Sie ist ein Punkt auf der Diversitätscheckliste – und wird nebenbei noch zur Vertreterin einer Minderheit erklärt. Ganz originell.

In Corona-Zeiten und auch sonst

Wenn Ihr etwas an dem Rollenungleichgewicht ändern wollen und auch mehr Diversität bei den Figuren anstrebt, dann ist NEROPA etwas für Euch. Nehmt Euch die Drehbücher, die ihr auf dem Tisch liegen habt, noch einmal vor. Bildet ein Dreierteam, das sie dem NEROPA-Check unterziehen soll. Baut die Männerlastigkeit der Geschichten ab.

Gebt den CasterInnen die ausdrückliche Anweisung, dass sie diverse Vorschläge für die SchauspielerInnen machen sollen (NEROPA Feinschliff), guckt Euch mehrere Varianten für den Cast an. Seid offen für neue Namen, egal wie alt die TrägerInnen dieser Namen sind.

Auch in der Stoffentwicklung und beim Drehbuchschreiben könnt Ihr NEROPA anwenden (nämlich so).

Das mit dem binär

Ja, der NEROPA Check untersucht das Vorkommen männlicher und weiblicher Figuren und wandelt herausgearbeitete neutrale Rollen binär in Frauen und Männer um, paritätisch. Auch das wird seit neuestem öfter kritisiert, mir sozusagen ein Eintreten für nur binäre Geschlechtergerechtigkeit angelastet.

NEROPA ist eine Krücke, die möglichst schnell und effektiv einen Zustand – den der Männerlastigkeit und der Einfalt im Cast – ändern soll. Und es ist in der deutschen Film- und Fernsehbranche nun einmal so, dass die Schauspielleute in soweit ich weiß allen Castingdatenbanken „männlich“ oder „weiblich“ ankreuzen sollen. Und was vielleicht noch wichtiger ist: diese Bezeichnungen, also diese beiden Geschlechtsgruppen sind das, wonach Caster*innen in der Regel zuallererst suchen, das sind die Kategorien, die auf fast jeder Rollenbeschreibung ganz oben stehen.

Wenn Du in Rom bist mach es wie die Römer“ – ein Sprichwort, das Augustinus von Hippo zugeschrieben wird, und sicher noch vielen anderen. Also, wenn die Film- und Fernsehbranche derzeit binär die Geschlechter einordnet, dann passe ich meinen Verbesserungsvorschlag, die Methode NEROPA dem an. Und deshalb sollen die herausgearbeiteten neutralen in FrauMannFrauMann umgewandelt werden und nicht nach einer mir gerade nicht bekannten anderen Verteilung verschiedener Geschlechter. (Und nein, ich sage nicht „Wenn Du in Rom bist mach es wie die Römer*innen“.)

Das mit dem Klischee

Das eine sind die Rollen, ihr Geschlecht und ihre Diversitäten. Und das andere ist das, was sie im Film sagen und machen, was mit ihnen geschieht, wie sie angezogen sind und noch vieles mehr. Bildhafte Beschreibungen und Kategorisierungen sind ja nicht per se schlecht, wer eine Gebärdensprache lernt begegnet solchen Vereinfachungen immer wieder.

Aber trotzdem kann es ja nicht schaden, jetzt – im abflauenden Corona-Stillstand – anstehende Projekte und Drehbücher, Regieeinfälle, Kostüme und Szenenbilder und was nicht noch alles auf die Schattenseiten der Vereinfachung abzuklopfen.

Anregungen zu unbedingt zu vermeidenden Geschlechterklischees findet Ihr u.a. hier in meinem Blog SchspIN und auch bei FILMLÖWIN, dem Blog der feministischen Filmjournalistin Sophie Charlotte Rieger. Hier zwei mal zwei Beispiele:

Wenn Ihr wisst, dass in dem Buch intime Szenen vorkommen, seien es körperliche Liebesszenen oder auch sexualisierte Gewalt, und ihr Input zu der bildhaften Auflösung wollt, kontaktiert doch beispielsweise  Sophie Charlotte Rieger oder / und Intimitätskoordinatorin Julia Effertz.

Wenn ihr Klischees von Lesben und Schwulen, zu trans Menschen, zu Menschen mit Behinderungen, zu alten Menschen, zu nicht-weißen Menschen, zu Norddeutschen oder Bayern, zu Frauen im Vatikan oder Schreinern im Mittelalter umgehen wollt, nutzt die Zeit und sucht Euch Expert*innen. Aber nicht so, wie es in viel zu vielen Fernseh-Talkshows gemacht wird, sondern sucht Euch Leute die die diesen Gruppen angehören. Oder wenn es um historische Stoffe gibt, Leute mit Ahnung.

Achja, und wenn Ihr noch in einer frühen Projektphase seid, beispielsweise in der Stoffentwicklung, in der Planung neuer Ideen, bei der Frage ob Film oder Serie, oder oder oder: Denkt daran – auch wenn ARD und ZDF etwas anderes suggerieren – nicht jede Geschichte muss als Krimi erzählt werden.

 

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