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Gedanken einer Schauspielerin

Nicht schlecht, wenn man Männerproduktionen mag: Der Fernsehpreis 21

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Der Deutsche Fernsehpreis 21 – Nominierungen, fiktionale Formate

Letzte Woche machte mich eine Kölner Kollegin auf die diesjährigen Nominierungen zum Deutschen Fernsehpreis aufmerksam, der am morgigen 16. September in Köln verliehen wird. Darauf habe ich die nominierten fiktionalen Produktionen und Fernsehschaffenden durch die hellblaurosane Brille betrachtet und eine Analyse angefertigt.

Bei diesem Preis gibt es vier Kategorien für Filme und Serien: Bester Fernsehfilm, Bester Mehrteiler, Beste Dramaserie und Beste Comedyserie, für die je drei Produktionen nominiert wurden. Dazu kommen die Einzelleistungen Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt und Musik, hier wurde aus jeweils drei Produktionen nominiert. Für die Ausstattung-Nominierungen wurden Szenenbild, Kostümbild und bei zwei von drei Produktionen Maskenbild zusammenfasst. Dazu kommen die Auszeichnungen für Beste Schauspielerin und Bester Schauspieler mit jeweils fünf Nominierten, teilweise für zwei Produktionen.

6-Gewerke-Check aller Produktionen mit Nominierung/en

In allen fiktionalen Fernsehpreisen tauchen insgesamt 22 Produktionen auf, 7 Fernsehfilme und 15 serielle Formate. Mal wieder viele Krimis, aber interessanterweise kein TATORTE.

Die erste Abbildung zeigt den Frauen– und Männeranteil für die sechs Gewerke Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Schnitt und Musik (6-Gewerke-Check). Ja, für Ton gibt es keinen Fernsehpreis, ich frage mich warum  (Stichwort Sound and Vision), aber da die Tonmeister:innen meistens in meinen 6-Gewerke-Checks vorkommen, sind sie auch hier berücksichtigt:

Der Frauenanteil für die sechs Gewerke beträgt im Mittel 14,9 %, der durchschnittliche Männeranteil ist 85,1 %. In keinem Gewerk wird der Alumniwert erreicht, d.h. der Frauenanteil unter den Filmhochschulabsolvierenden in dem Fach.

Die größte Diskrepanz gibt es im Schnitt: der Frauenanteil unter den Editor:innen erreicht nicht einmal 28 %, im Gegensatz zu 51 % unter den Absolvierenden der Montage-Studiengänge an Filmhochschulen. Diese 28 % sind auch erstaunlich, weil Editorinnen womöglich bei Fernsehproduktionen eher beschäftigt werden als bei Kinofilmen. So lag der Editorinnenanteil bei den 365 erstausgestrahlten TATORTEN 2012-18 bei 63,8 %, hingegeben bei den Top 100 Kinofilmen im gleichen Zeitraum nur bei 31,7 %.

Gibt es innerhalb des Fernseh-/Streamingbereiches eine weitere Differenzierung, – Filme editieren alle, aber Serien dann doch eher Männer? 22 Produktionen sind alles andere als repräsentativ, nur als Anstoß für weitere Untersuchungen diese Zahlen: Die 7 Fernsehfilme die in den Nominierungen vorkommen hatten einen Editorenanteil von 50 % (5 M und 5 F insgesamt), die 15 seriellen Formate hingegen einen Editorenanteil von 75 % (21 M und 7 F).

Was den Drehbuchbereich betrifft gestaltete sich die Auswertung etwas schwierig.  Denn für eine Staffel mit sechs bis acht Folgen schreiben mitunter mehr als ein, zwei Autor:innen, die bei Fernsehfilmen häufiger anzutreffen sind. Stichwort Writers‘ Room. Ich gehe weiter unten noch einmal darauf ein.

Die nächste Abbildung zeigt den 6-Gewerke-Check mit anderer Berechnung, die Ergebnisse unterscheiden sich aber nicht grundlegend. Mittlerer Frauenanteil 15,9 %, mittlerer Männeranteil 84,1 %.

Zum Unterschied der beiden Varianten

Variante A: ich addiere getrennt alle Frauen und Männer in einem Gewerk in allen 22 Produktionen und berechne (Dreisatz!) die jeweiligen Anteile. Beispiel Regie: insg. 7 Frauen, 20 Männer. Frauenanteil 25,9 %, Männeranteil 74,1 %.

Variante B: ich ermittle den Frauen- und Männeranteil für jede Produktion einzeln (z.B. 2 Männer eine Frau: Männeranteil 0,667), addiere alle 22 Anteile und berechne dann die Prozente. Beispiel Regie: 5 Filme, bei denen eine oder zwei Frauen Regie führten, ein Film mit Frau/Mann-Duo, also 5,5 Filme inszeniert von Frauen, und 16,5 von Männern, insgesamt 22 Produktionen. Der Frauenanteil ist 25,0 %, der Männeranteil 75,0 %.

Ich habe das unter Methode schon mal diskutiert und mit der geringen Abweichung begründet, warum ich normalerweise mit Variante A arbeite, sie ist schlicht weniger aufwändig und fehleranfällig.

Nebengedanke Drehbuchrecherche

Die Recherche in Datenbanken und anderen Quellen ist schwierig, besonders beim Drehbuch. Für eine Produktion können unterschiedlich viele Autor:innen aufgeführt werden. Hier, also beim Deutschen Filmpreis, sind drei Autor:innen nominiert. Für den Fernsehfilm DAS UNWORT Leo Khasin und für den Mehrteiler DAS GEHEIMNIS DES TOTENWALDES Stefan Kolditz. Beide Autoren werden als einzige bei filmportal, IMDB, crew united und wikipedia aufgeführt.

Bei der Serie DARK (3. Staffel) sieht das schon anders aus: Laut der Fernsehpreis-Webseite ist nur Jantje Friese nominiert. Auf der Netflix-Webseite heißt es „von Baran bo Odar, Jantje Friese“ (das „von“ bezieht sich in der Regel auf die „Creators“). Bei Filmportal sind Jantje Friese und Baran bo Odar für das Drehbuch genannt, bei IMDB heißt es „created by“ Jantje Friese und Baran bo Odar. Es werden weitere Autor:innen genannt, davon Marc O. Seng als einziger für die 3. Staffel. Ähnlich bei Crew United, dort erscheinen Jantje Friese und Baran bo Odar jeweils als „Creator“ und Marc O. Seng als Ko-Autor. Bei Wikipedia steht Jantje Friese für alle acht Folgen, zwei mal gemeinsam mit Marc O. Seng, Baran bo Odar taucht nur als Regisseur auf. Je nachdem, ob ich eine Autorin,  eine Autorin und einen Autor, oder eine Autorin und zwei Autoren in der Analyse verwende ändern sich die Gesamtwerte leicht.

Nominierte Einzelleistungen

Die dritte Abbildung zeigt nun die Männer- und Frauenanteile für die auszuzeichnenden sechs Gewerke. Für Regie sind drei Frauen (für zwei Produktionen) und ein Mann nominiert, für Drehbuch und Kamera zwei Männer und eine Frau.  Diese Frauenanteile sind deutlich höher als die Durchschnittswerte in den drei Gewerken für alle Produktionen im Nominierungspool. Was bedeutet das? Dass die Leistungen der Frauen „überdurchschnittlich“ waren, – es gab zwar weniger Nominierte, aber die, die nominiert waren brachten besonders gute Leistungen? Oder war das schlicht die Entscheidung, fast immer auch mindestens eine Frau zu nominieren, egal wie wenige es insgesamt gab (das gilt nicht für Musik)? Oder noch was drittes?

Ja, der Anteil nominierter Editorinnen ist tatsächlich so niedrig, drei Serien kamen ins Rennen mit insgesamt 8 Editor:innen, darunter 7 Männer, das sind 11,1 % Frauen. – Ich habe extra die Variante B gewählt, die etwas höhere Frauenanteile ergibt. – Und dank Regie und der „Frauengewerke“ Szenenbild, Kostüm und Maske, zusammengefasst als Ausstattung, ist der Anteil nominierter Frauen 34,3 % und der nominierter Männer 65,8 %. Für die fünf Gewerke ohne Ausstattung wären es 28,9 % bzw. 71,1 %.

Kann sein, dass die Werte anders sind, wenn die nicht-fiktionalen Formate dazu kommen, und wenn Ihr Szenen-, Kostüm- und Maskenbild einzeln einrechnet. Das tue ich indes nicht, denn in der Untersuchung geht es um fiktionale Formate, und die Auszeichnung wird für Ausstattung verliehen. Also bleibt es bei 34,3 %.

Übrigens: Die Preisträger:innen in diesen sogenannten „Personenkategorien“ (oder wie es beim Deutschen Fernsehpreis heißt: die Preisträger) stehen bereits heute fest, Ihr findet sie auf der Webseite vom Deutschen Fernsehpreis

Gerade was Fernsehen und Streamingdienste betrifft bin ich nicht der größte Fan von Preisen. Damit will ich sagen, dass Preise ja gut und schön sind und karrierefördernd und eine Auszeichnung, aber was bewirken Auszeichnungen für einzelne Frauen, wenn die größte Mehrheit der Produktionen weiter von Männern bestimmt, erdacht, geschrieben, inszeniert, photographiert, aufgenommen, komponiert und editiert wird?

Die gerade stattgefundenen Internationalen Filmfestspiele von Venedig haben etwas ähnliches deutlich gemacht: im Wettbewerb hatten 5 von 21 Filmen eine Regisseurin, und wenn ich richtig gezählt habe sind es 9 Filme, bei denen Frauen die Drehbücher (mit-)verfasst waren. Klar ist es erfreulich, dass Filmemacherinnen die wichtigen Preise erhalten haben und so eine größere, auch mediale Öffentlichkeit erreichen. Aber das ändert erst mal noch nichts daran, dass wir alle im Kino weiter mehrheitlich Geschichten angeboten bekommen, die von Männern stammen und handeln.

Und die Besten Produktionen?

Zum Schluss komme ich zu den zwölf Nominierungen für die Besten Produktionen-Kategorien. Hier stelle ich wieder die sechs Gewerke Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Musik und Montage in den Fokus. Keine Produktion hat hier eine Frauenbeteiligung in vier oder mehr Gewerken, das ist leider wenig überraschend. Indes, acht der zwölf Produktionen haben fünf oder sechs reine Männergewerke.

Besonders negativ fällt dies in der Kategorie Bester Mehrteiler auf. Bei zwei der nominierten Produktionen – DIE TOTEN VON MARNOW und OKTOBERFEST 1900 – gibt es nur Männer in den sechs Gewerken, bei der dritten – DAS GEHEIMNIS DES TOTENWALDES – waren Julia Karg und Kai Minierski für die Montage verantwortlich. Ansonsten Frauen-Fehlanzeige.

EDIT: Zur Veranschaulichung füge ich nachträglich (17.9.) die graphische Darstellung dieser nominierten „Besten Männer-Mehrteiler“ ein, sämtlich öffentlich-rechtliche Produktionen:

Die Fernsehpreis-Jury

Wird so etwas in den Jurysitzungen diskutiert, wo aus der Vorauswahl die Nominierten gezogen und die endgültigen Preise vergeben werden? Gibt es Jurymitglieder, die Männerproduktionen unzeitgemäß finden? Wird das morgen bei der Preisverleihung thematisiert? Auf der Fernsehpreis-Webseite werden die 14 Jurymitglieder vorgestellt, sieben Männer und sieben Frauen. Wobei nicht klar wird, ob alle 14 gemeinsam über alle Preise entscheiden, oder ob es beispielsweise getrennte Unterjuries für fiktionale und nicht-fiktionale Auszeichnungen gibt. Als Erläuterung heißt es lediglich:

Über ein Mehrheitsvotum bestimmt die Jury die aus ihrer Sicht besten und erfolgreichsten Produktionen und Einzelleistungen des Vorjahres, um sie noch am selben Abend mit dem Deutschen Fernsehpreis zu ehren. (Quelle)

Dass neben „die besten“ auch noch „die erfolgreichsten“ als Kriterium genannt sind finde ich unglücklich, denn das läuft im Zweifelsfall auf die fragwürdigen Einschaltquoten hinaus. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag (oder einen alten Text: Um Himmels Willen, die TV-Quoten!)

Die nächste Abbildung zeigt nun die 12 Produktionen hinsichtlich der Anzahl der Abteilungen mit Frauenbeteiligung (nochmal: es reicht z.B., wenn unter 6 Autor:innen eine Frau ist, dann zählt das Gewerk):

Die Produktionen mit keinem oder nur einem Gewerk mit alleinverantwortlichen oder beteiligten Frauen sind rosa schraffiert (zu männerlastig), alle darüber, d.h. ab 2 von 6, sind hellblau. Hintergrund hierfür ist #2v6pN, mein unkomplizierter Vorschlag zur Reduzierung der Geschlechterdisparität in der Film- und Fernsehbranche. 2v6 zwei von sechs könnte eine Bedingung für öffentliche Filmförderung oder öffentliche Aufträge sein. Wer keine Filmfrau in mindestens zwei der genannten sechs Gewerke beteiligt, bekäme keine Förderung, keinen Auftrag. Eine einfache Geschichte. (Das Modell heißt eigentlich: #2v6pN – zwei von sechs plus NEROPA, aber hier soll es nur um Teampositionen gehen). Es sind zwei und nicht drei von sechs Gewerken, da dies – ein Drittel – dem mittleren Frauenanteil in der Ausbildung für die sechs Berufe entspricht. Wer nur mit Männern arbeiten oder nur ihnen die zentralen Aufgaben übertragen will könnte das machen, aber nicht mit öffentlichen Geldern. Das würde beispielsweise Arthousefilme wie die von Christian Petzold genauso betreffen wie die drei genannten Mehrteiler oder  die Serie BABYLON BERLIN.

Würden die öffentlich-rechtlichen Sender mit dem Modell #2v6 arbeiten, hätten nicht nur vier sondern insgesamt acht der zwölf Produktionen mindestens zwei Gewerke mit Frauenbeteiligung. Macht das einen Unterschied, außer für die Statistik? Ja, ich denke, dass es zu besseren und wirklich innovativen Filmen und Serien führen kann, wenn nicht nur die Hälfte der Filmschaffenden – nämlich Männer – potenziell kreativ sein können und nicht nur der männliche Blick das Maß der Dinge ist. (siehe auch meine Untersuchung für das Film- und Medienbüro Niedersachen zu NDR-Krimiformaten Rosige Zeiten für Männer bei den NDR-Prime-Time-Krimis).

Morgen ist die offizielle Verleihung der Fernsehpreise. Wir können gespannt sein, ob die fortdauernde Benachteiligung von Frauen hinter den deutschen Fernsehkameras thematisiert wird, oder ob nur gefeiert wird à la „Wir haben viele nominierte Frauen, und einige bekommen sogar Preise!“.

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