SchspIN

Gedanken einer Schauspielerin

10. September 2018
von SchspIN
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Der kleine Mann im Ohr

Mann und Frau verwechsel ich nicht,
das kommt bei mir nicht vor.
Ich hab`nen kleinen Mann im Ohr,
der sagt mir alles vor.

  • Zum einen Ohr rein, und es bleibt drin
  • Morgens um sieben ist die Radiowelt noch in Ordnung
  • Eine blaue Bahn
  • Eine rote Katze
  • Ausblick

Am ersten September absolvierte die Deutsche Fußballnationalmannschaft in Island ein WM-Qualifikationsspiel von großer Bedeutung, die Deutschen gewannen 2:0, was im Vorfeld nicht so ganz selbstverständlich schien – hatte doch Island die Begegnung in Deutschland im letzten Oktober mit 3:2 gewonnen. Das ZDF übertrug das Spiel (zu den Halbzeitinterviews zwei Twitter-Kommentare von Anna und Alice). Als ich an dem Samstag abends von einem Dreh nach Hause kam schaltete ich das Radio an, um das Ergebnis zu erfahren. Fehlanzeige, Deutschlandfunk Kultur berichtete in den Nachrichten nur von der Männerfußball-Bundesliga, sehr ausführlich. Sie waren aber nicht die einzigen, die das Island-Deutschland-Spiel nicht erwähnten.

Foto: SchspIN

Zum einen Ohr rein, und es bleibt drin

Immer wieder hören wir weniger von Frauen, also ÜBER Frauen, wir hören aber auch weniger von Frauen, also DURCH Frauen. Das verstärkt das Männliche als Norm, die Männerstimme als die maßgebliche, wichtige. Und schlimmstenfalls werden Stereotype darüber, was Frauen und Männer können bzw. nicht können und was sie interessiert bzw. nicht interessiert, geschaffen und verfestigt, je nachdem, [Weiterlesen – Read On]

28. Juni 2018
von SchspIN
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Was tut sich am TATORT? – #2v6pN

TATORT-Analyse 2011-18: Sechs Gewerke und der Hauptcast


Zum 1. August 2015 hatte sich die ARD-Tochter Degeto Film GmbH zunächst für drei Jahre verpflichtet, den Regisseurinnenanteil in ihren Produktionen auf 20 % zu erhöhen:

Damit greift Christine Strobl eine Forderung auf, die „Pro Quote Regie“ im vergangenen Jahr formuliert hatte. Zwanzig Prozent aller Filme in der Regie von Frauen, das sei ein „maßvolles Ziel“, sagt Christine Strobl (…). Sie will damit in der Branche, bei Produzenten und in den Redaktionen für ein „verändertes Bewusstsein“ sorgen.
(Manfred Hanfeld: Zwanzig Prozent Regisseurinnen FAZ 8.7.15)

Ob es zu den 20 % Regisseurinnen gekommen ist und auch zum veränderten Bewusstsein in Redaktionen weiß ich nicht – es ist auch gar nicht so einfach, die Degeto-Produktionen eines Jahrgangs herauszufinden – aber zumindest kann ich sagen, dass die ARD- TATORTE (die nicht von der Degeto sondern von Landesrundfunkanstalten produziert werden) im ersten Halbjahr 2018 die Regisseurinnenmarke von 20 % fast erreicht haben.

Ich habe außerdem noch einen weitergehenden Selbstverpflichtungs-Vorschlag, aber dazu später mehr, am Ende des Textes (2v6pN). Jetzt erst mal die TATORTE.

Das erste TATORT-Halbjahr 2018

4 von bislang 21 TATORTEN 2018, das sind 19 %, wurden von Frauen inszeniert. Im gleichen Zeitraum gingen allerdings die Frauenanteile in einigen anderen Gewerken  in den Keller. Keine Frau lieferte die Bilder, keine den Ton, und auch die Geschichten, die Dialoge schrieben nur zu 7 % Frauen. Das zeigt die folgende linke Abbildung.
Besteht womöglich ein Zusammenhang zum erhöhten Regisseurinnenanteil? Diese Vermutung [Weiterlesen – Read On]

4. Juni 2018
von SchspIN
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Der Inclusion Rider – Die Diversitätsklausel

“I have two words to leave with you tonight, ladies and gentlemen: Inclusion Rider.”
Frances McDormand, US-amerikanische Schauspielerin

Reden über den Inclusion Rider

Auch hier in Deutschland taucht der Begriff Inclusion Rider seit einigen Monaten in Medien und sozialen Netzwerken auf, wobei ich den Eindruck habe, dass nicht ganz klar ist, worum es genau geht und dass eine Anwendung in der deutschen Filmbranche vielleicht nicht ohne weiteres machbar ist. Deshalb heute ein etwas ausführlicherer Artikel zum Thema. Alle Übersetzungen von Zitaten stammen von mir, ebenso etwaige Hervorhebungen darin.

Die Dankesrede einer Best Actress

Schlagartig einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde der Inclusion Rider – zumindest als Begriff – durch die Academy Awards, die Verleihung der US-amerikanischen Filmpreise im März 2018. Die Auszeichnung als beste Schauspielerin 2018 ging an Frances McDormand für ihre Hauptrolle in THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI, die zum Schluss ihrer Dankesrede alle nominierten Filmfrauen im Saal bat aufzustehen und sagte:

Wir alle wollen Geschichten erzählen und haben Projekte die finanziert werden müssen. Sprecht uns an, aber nicht auf den Parties heute Abend, sondern ladet uns in den nächsten Tagen in Euer Büro ein oder kommt zu uns, wie es am besten passt, und dann reden wir. Und ich möchte Euch noch zwei Wörter mit auf den Weg geben: Inclusion Rider.

Was ist und kann ein Inclusion Rider? McDormand sagte im Anschluss an die Preisverleihung, dass er Schauspieler*innen ermöglicht „in ihren Filmverträgen Quotierungen zu verlangen für Menschen die Diversität repräsentieren – Frauen, nicht-weiße Menschen (people of colour), Menschen mit Behinderungen und LGBTQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queer) – für Teampositionen hinter der und Rollen vor der Kamera.“ (tvguide 5.3.) und dass „alle, die Vertragsverhandlungen führen, 50 % Diversität in Cast und Crew (…) fordern können.“ (Hollywoodreporter 4.3.)
Diversität ist auch so ein Begriff, der recht unterschiedlich verwendet wird – ist Diversität die gesellschaftliche Realität, d.h. eine Mischung, dann müssten 100 % das Ziel sein, oder stellen die unterrepräsentierten Minderheiten Diversität dar, was heißen würde, dass weiße, heterosexuelle Frauen ohne Behinderung nicht dazu gehören, es sei denn, sie sind alt? Ein Thema für einen anderen Tag.
Der Inclusion Rider – ich schlage als deutschen Begriff Diversitätsklausel vor – wurde in der Oscarnacht und danach auch recht unterschiedlich definiert, was Raum für Fragen öffnete: Können diesen Passus alle Schauspieler*innen in ihre Verträge setzen? Ist es eine Absichtserklärung oder Pflicht? Geht es um die gesamten Crews? Wie soll die Klausel [Weiterlesen – Read On]

18. Mai 2018
von SchspIN
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Cannes und Eurovision: Sie sind nicht Eure Puppen

Sie sind nicht Eure Puppen (Saturday Night’s Alright for Change)

  • Öffnet die Filmpaläste! – für Männer UND FRAUEN
  • 50:50 bis 2020
  • I‘m not your Toy, you stupid Boy!f
  • Poupée on a String
  • Hey, I Think you Forgot How to Play

Am vergangenen Sonnabend in Frankreich und Portugal:

Beim Filmfestival in Cannes verliehen Filmfrauen ihrer Forderung nach Veränderungen in Branche und Gesellschaft mit einer symbolischen Aktion und einer Erklärung auf den rotbeteppichten Stufen zum Festivalpalast Nachdruck.

Und in Lissabon gewann die 25-jährige israelische Musikerin Netta den Eurovision Song Contest mit ihrem Elektropopdancesong TOY, der in Zeiten von #metoo eine klare Frauenpoweransage ist und mit Text und Auftritt Individualität feiert.

Öffnet die Filmpaläste! – für Männer UND FRAUEN

Es waren 82 Frauen auf den Cannes Stufen – 82 deshalb, weil das die Zahl der Regisseurinnen ist, die seit 1946 mit ihren Filmen zum Wettbewerb des Festival de Cannes eingeladen worden sind. 82 gegenüber 1.688 Regisseuren.
Cate Blanchet, australische Schauspielerin, Mitbegründerin der TimesUp-Bewegung und Präsidentin der diesjährigen Wettbewerbsjury in Cannes, führte die 82 Frauen an. Sie verlas gemeinsam mit Regisseurin Agnès Varda, die 2015 eine Goldene Ehrenpalme für ihr Lebenswerk erhalten hatte, folgende Erklärung (meine Übersetzung):

Frauen sind keine Minderheit in der Welt, allerdings erzählt unsere Branche eine andere Geschichte. Jede von uns steht anderen Herausforderungen gegenüber, aber heute stehen wir gemeinsam auf diesen Stufen als Symbol unserer Entschlossenheit und unseres Engagements für Fortschritt. Wir sind Autorinnen, wir sind Produzentinnen, wir sind Regisseurinnen, Schauspielerinnen, Kamerafrauen, Agentinnen, Editorinnen, Vertrieblerinnen, Verleiherinnen und wir alle arbeiten in der Kinobranche. Und wir erklären uns solidarisch mit Frauen aus allen Branchen.
Wir erwarten von unseren Institutionen, dass sie aktiv für Parität und Transparenz in ihren Organen sorgen werden und für ein sicheres Arbeitsumfeld. Wir erwarten, dass unsere Regierungen dafür sorgen, dass die Gesetze, die gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit regeln, eingehalten werden.
Wir verlangen, dass [Weiterlesen – Read On]

8. April 2018
von SchspIN
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Ist das schon Diktatur?* – Superheroine against Violence

English Version follows German.

Frauenfreie Zonen

Die große Koalition 2018

Am 23. März veröffentliche das BMI eine Pressemitteilung mit dem Titel „Führungsmannschaft des BMI komplett – Besetzung der Staatssekretäre im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat“. Ein Gruppenbild zeigt [Weiterlesen – Read On]

16. Januar 2018
von SchspIN
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Es wird sich ändern

#changeiscoming – Es wird sich ändern

Der heutige Text dreht sich um Musik, Veränderung und den 5. Geburtstag dieses Blogs.

Warten – I know All About Waiting

Vor Jahren entdecke ich die alternative rockband thenewno2 und war direkt begeistert von der Musik und dem Namen (der einen anderen Hintergrund hatte als ich assoziierte, aber egal. Cooler Name). Hinter thenewno2 stehen Dhani Harrison und Paul Hicks, die auch außerhalb von thenewno2 gemeinsame Musikprojekte hatten, u.a. stammte von ihnen die Filmmusik für BEAUTIFUL CREATURES / EINE UNSTERLICHE LIEBE (Regie Richard LaGravenese) und LEARNING TO DRIVE / FAHRSTUNDEN FÜRS LEBEN (Regie Isabel Coixet). Bei diesen beiden Filmen fällt wieder auf, was für seltsame Titelübersetzungen es doch gibt (Was ist DAS denn für ein Titel?) aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.
2010 gründete Dhani Harrison gemeinsam mit Ben Harper und Joseph Arthur die Band A Fistful of Mercy. Und im letzten Oktober ist sein erstes Soloalbum erschienen: IN /// PARALLEL – ein Soloprojekt im wahrsten Sinne des Wortes, die zehn, teilweise längeren, Stücke hat er komponiert, gemastert und produziert. Er nennt es Grunge and Bass, Rolling Stone beschreibt es als psychedelisch und auch Harrisons Filmmusikhintergrund ist [Weiterlesen – Read On]

20. Dezember 2017
von SchspIN
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Kamera: mit ihren Augen

Wird in Bezug auf Filme vom weiblichen Blick gesprochen, sind meistens Regisseurinnen gemeint. Seltsam, denn ich denke bei Blick eher an Kamera. Diese oft vernachlässtigte Teamposition kann – neben Regie und Drehbuch – als dritter Teil des künstlerischen Triumvirats eines Films gesehen werden. Eher als die Produzent*innen. Aber seltsamerweise wird oft nur Regie, Buch, Produktion erwähnt. Eigentlich erstaunlich. Wenn es nicht gerade um Bügelfilme geht prägt die Kamera doch das Filmerlebnis in erheblichem Maße. Wer gibt mir recht? Die ARD! Beispielsweise wird auf den TATORT-Seiten als Kerncrew das Triumvirat nebst Musik genannt – wie im Filmabspann in der Reihenfolge M, K, B, R. In Ausnahmefällen Schnitt oder Szenenbild. Nie Kostüm oder Maske, nie die Produzent*nnen. Beim Grimme-Preis werden Buch, Regie, Kamera und Ton gelistet.
Auch international ist dieses Phänomen zu finden. Es gibt beispielsweise eine sehr beeindruckende, umfangreiche Statistik vom British Film Institut BFI zu UK Filmen aus den Jahren 2003 bis 13, zu jedem der durchschnittlich 200 Filme pro [Weiterlesen – Read On]

28. November 2017
von SchspIN
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Was Hänschen lernt… – Teach an Old Dog Tricks!

English Version follows German.

Es gibt ein altes Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Nun können wir natürlich darüber sprechen, wie viel schwieriger es ist, eine Fremdsprache im Alter zu erlernen, das Spielen eines Musikinstruments oder die Grundbegriffe der Glazialmorphologie. Wir können aber auch einfach sagen, ,Ja, mag sein, aber auch Erwachsene können noch viel Neues dazulernen‘.
Nehmen wir als Beispiel Horatio Nelson (1758-1805), der 1797 im Alter von 39 Jahren Admiral wurde und dem einige Monate später, beim Angriff auf Santa Cruz de Tenerife, nach einer Schussverletzung der rechte Arm amputiert wurde. Er war Rechtshänder, und lernte danach mit der linken Hand zu schreiben. Nach einiger Zeit war seine neu erlernte linke Handschrift nicht mehr von der ursprünglichen rechten Handschrift zu unterscheiden (nach Stephen Kurdsen: „Reading Character From Handwriting“).
Sagen wir also, dass wir unser Leben lang lernen können, und unser Leben lang beeindruckbar und beeinflussbar bleiben können. Im Guten wie im Schlechten. Und dass nichts für die Ewigkeit ist. Im Schlechten wie im Guten.

Was Hänschen nicht gelernt hat, kann Hans ja nachholen

Dass Film und Fernsehen unsere Sicht und unser Denken beeinflussen können ist bekannt, das gleiche gilt auch für Bücher, z.B. jene, mit denen wir in der Schule oder als Erwachsene lernen. Für den heutigen Text habe ich ein paar Erwachsenensprachbücher durch die rosa–blau–grüne NEROPA-Brille betrachtet.
Im ersten Beispiel geht es um das Thema Arbeit und Berufe im Englischunterricht für Erwachsene (Reihe Refresh Now, Klettverlag. Zusatzmaterial). NEROPA fragt: für welchen Beruf ist das Geschlecht wichtig? Spontan fallen mir Henker, Papst, Ayatollah und Hebamme ein, aber diese Berufe sind nicht abgebildet. Sondern:

Kellnerin, Pfarrer, Bauer. Pilot, Soldat, Kapitän, Arzt, Geschäftsmann, Polizist, Krankenschwester, [Weiterlesen – Read On]

6. November 2017
von SchspIN
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NEROPA in der Stoffentwicklung

  • Die Ausgangsfrage
  • Die NEROPA-Ampel
  • Schreibe erst, entscheide später
  • Ist das wirklich nötig?
  • Die FFA-Filmförderung November 17
  • Epilog: Schiffe, die sich nachts begegnen

Die Ausgangsfrage

Ab und zu werde ich gefragt, ob auch Drehbuchautor*innen das Besetzungstool NEROPA anwenden können, um das Rollenungleichgewichte zwischen Männern und Frauen in Film und Fernsehen abzubauen. Die Antwort heißt „eher nein“ und „ja natürlich“ zugleich, letzteres werde ich heute erklären.
Der NEROPA-Check für einen Film wird idealerweise von drei Personen ausgeführt. Sechs Augen sehen mehr als zwei, Gehirne ticken nicht gleich und Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen. Die drei NEROPA-Beauftragten werden vermutlich differierende neutrale Rollen im Buch ausmachen, also Rollen, deren Geschlecht für die Handlung nicht wichtig ist. Dann sprechen sie miteinander und einigen sich auf eine gemeinsame Liste (siehe auch: Der NEROPA-Check).

„eher nein“
Ein Drehbuch – davon wollen wir ausgehen, zumindest solange es noch nicht beispielsweise in der Vorproduktion verändert wurde – ist das, was der Autor oder die Autorin meint, genau diese Figuren sollen darin vorkommen, genau das sagen sie, genau das tun sie. Wenn die Drehbuchautor*innen ihre fertiggestellten Bücher neropen* sollen, würden sie wahrscheinlich auf null neutrale Rollen kommen. Fragt mal ein Kind nach den Namen seiner Stofftiere. „Ah, das ist also der Hasi. Könnte es nicht [Weiterlesen – Read On]

16. Oktober 2017
von SchspIN
2 Kommentare

Der Fall Weinstein: Gedanken zur deutschen Filmbranche

Einleitung

Am 5. Oktober wurde in der New York Times der Artikel „Harvey Weinstein Paid Off Sexual Harassment Accusers for Decades“ von Judi Kantor und Megan Twohey veröffentlicht. Seit dem sind immer mehr Frauen, Schauspielerinnen, Models und auch Firmenangestellte und Journalistinnen, an die Öffentlichkeit getreten, die von Übergriffen, sexuellen Belästigungen, Einschüchterungsversuchen bis hin zu Vergewaltigungen berichteten. Es ist klar, dass alle Angeklagten bis zur rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig zu gelten haben. Allerdings scheinen in diesem Fall die Vorwürfe  erdrückend – im Gegensatz zu den leider nur allzu häufigen Situationen, in denen Aussage gegen Aussage steht und eine Straftat oder ein Verbrechen nicht bewiesen werden kann.
Viel wurde zunächst darüber geschrieben, wie es möglich sein konnte, dass Harvey Weinstein über Jahrzehnte unerkannt und ungestört handeln konnte, doch schnell wurde klar, dass seine Übergriffe, sein Umgang mit insbesondere jungen Schauspielerinnen zu Beginn ihrer Karriere, ein offenes Geheimnis waren.
Mittlerweile wurde Weinstein aus dem Vorstand der Weinstein Company entlassen, aus der AMPAS Academy of Motion Pictures Arts and Sciences, aus dem BFI British Film Institute, eine Stellungnahme vom Filmfestival Cannes liegt vor.
Im Zuge der Reportagen wurde auch auf andere Fälle von sexuellen Übergriffen hingewiesen, von US-Schauspieler Bill Cosby über Fox News-Moderator Bill O’Reilly und Chef der amazon-Videoabteilung Roy Price bis hin zu US-Präsident Donald Trump. Alles in den USA, weit weg.

Auch die deutschen Medien haben über den Weinstein-Fall berichtet, mitunter mit Thematisierung des gesellschaftlichen Kontexts, beispielsweise Julian Dörr in der Süddeutschen vom 14.10. mit „Wer Missbrauch verhindern will, darf den Feminismus nicht belächeln“ (weitere Artikel im Unterkapitel  Lesevorschläge).
Was mich aber erstaunt ist, dass bis jetzt fast nichts über hier, über die deutsche Filmbranche geschrieben wurde. Drängen sich nicht Fragen wie „Ist so etwas in Deutschland auch möglich, gibt es Fälle oder Gerüchte, und wie wird betroffenen Frauen geholfen?“ geradezu auf?
Ich habe lediglich das Kurzinterview mit der österreichischen Schauspielerin Adele Neuhaus gefunden, das sie der Rheinischen Post gegeben hat und das in verschiedenen anderen Medien zitiert wurde (das Original habe ich online nicht gefunden), beispielsweise in der Berliner Zeitung vom 14.10.. Sie sagte u.a., dass sie von dem Skandal nicht überrascht sei, und sich eher fragt, „warum das jetzt erst spruchreif wird. Hinter vorgehaltener Hand war eh immer klar, dass es eine Besetzungscouch gibt” und „wie viele Männer diese Situation ausgenutzt haben, weiß man.“

Ja, auch an deutschen Sets

Auch in Deutschland werden Schauspielerinnen und andere weibliche Filmschaffende sexuell belästigt und bedrängt. Auch hier [Weiterlesen – Read On]