Letzten Monat war ich auf Einladung von Prof. Dr. Elizabeth Prommer (Institut für Medienforschung an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock) im Forschungskolloquium im MA-Studiengang Kommunikations- und Medienwissenschaft, um über meine SchspIN-Arbeit zur Situation vor der Kamera zu berichten. Mein Vortrag hieß „Schäfchen Zählen ist leicht“ und ging der Frage nach, wie Film- und Fernsehrollen bzw. Schauspieler*innen in einer Produktion erfasst und aussagekräftig statistisch ausgewertet werden können. Dieser Vortrag ist die Grundlage für den heutigen Text, der außerdem drei Beispiele (einen Fernsehfilm, einen Kurzfilm und eine Gender-Filmstudie) beleuchtet.
Besetzungen lassen sich schwerer auswerten als beispielsweise Gewerke; im Gegensatz zu Angaben wie Regie, Drehbuch, Kamera, Kostüm, Casting u.a.m. eines Films werden vollständige Besetzungslisten nicht veröffentlicht, es gibt vielleicht 18 bis 25 unterschiedlich große Sprechrollen, aber außer der Produktion und den an ihr Beteiligten kennt niemand diese Liste.
2017 kann in der Film- und Fernsehbranche viel passieren. Der Anteil der Regisseurinnenwird – nicht zuletzt Dank der unermüdlichen Arbeit von Pro Quote Regie und anderer Filmfrauen und Zusammenschlüsse – weiter steigen, vielleicht auch der Anteil der Autorinnen. Langfristig wird sich hoffentlich auch etwas an der Fast-Männerexklusivität in den Gewerken Kamera, Beleuchtung und Ton ändern und der Fast-Frauenexklusivitätbei Kostüm und Maske, aber das ist ein Thema für ein anderes Jahr. Und wie wird es vor der Kamera? Werden auch 2017 weiter veraltete Rollenklischees für Männer und Frauen produziert, doppelt so viele Männer wie Frauen zu sehen sein, überwiegend (attraktive) Frauen unter 40, oft ohne erkennbaren Beruf, die weniger eigenständige Figur sondern Frau, Mutter, Schwester, Tochter oder Geliebte einer männlichen (Haupt-)Figur sind? Werden weiter Vorbilder und Identifikationsfiguren für Mädchen und Frauen fehlen? Oder wird sich das endlich verändern?
[vimeo 197676659 w=550&h=440]
Ohne die Drehbücher / die Geschichten grundsätzlich zu verändern, können durch den NEROPA-Check (siehe http://neropa.stieve.com/) Frauenanteilund Frauenvielfaltim fiktionalen Film und Fernsehen erhöht werden. Das ist ein erster Schritt, den jede Produktion [Weiterlesen – Read On]
No English version today, I’m sorry. This text is about the German acting union BFFS and my motion for statute amendments to democratise our organisation.
„Wäre es da nicht doch einfacher…“
Als „Schwachsinn“ soll der BFFS-Vorstand auf der diesjährigen Mitgliederversammlung am 9.10. in Köln meinen Satzungsänderungsantrag abgetan haben, schreibt Thomas Bauer in BFFS UND DIE PUBERTÄT (castmag IV-2016). Mein Antrag war nicht zur MV zugelassen, den Mitgliedern also nicht mit der Einladung zugeschickt worden. (siehe auch die Klarstellung am Ende des Textes vom 3.2.) Schwachsinn ist laut Duden ein anderes Wort für Unsinn und bezeichnet das Fehlen von Sinn, etwas Unsinniges, Sinnloses, Törichtes.
Das wird dem Antrag nicht gerecht, und ist neben der Geringschätzung meiner Arbeit eine indirekte Beleidigung befreundeter Filmverbände wie BvS (Bundesverband deutscher Stuntleute), BVR (Bundesverband Regie), VDD (Verband der Drehbuchautor*innen) und Equity UK (UK trade union for professional performers and creative practitioners) deren Satzungen ich gründlich durchgearbeitet habe, die Inspiration und Grundlage meines Antrags waren und in etliche §§ eingeflossen sind. Und nicht zuletzt: alles andere als unsinnig war auch die Arbeit der Anwältin, die mich bei ,meiner’ Satzung beraten und alles gegengecheckt hat (nochmals Danke!).
Von anderer Stelle wurde die Aussage des Vorstand wiedergegeben, dass sie mir gegenüber die Ablehnung meines Antrags ja schon schriftlich begründet hätten und dieser deshalb nicht auf der MV behandelt werden müsse.
Da werden zwei Dinge vermischt.
Selbstverständlich können die Vorstandsmitglieder meine Anträge inhaltlich ablehnen, das ist ihr gutes Recht, und dabei ist es egal, ob sie alle Punkte verstanden haben oder nicht. Aber dürfen sie sich deswegen weigern, meinen Antrag auf die Tagesordnung zu setzen? Ich denke Nein. Wie sähe ein Verband, ein Verein o.ä. aus, auf dessen MV nur das besprochen und beschlossen werden kann, was dem Vorstand genehm ist?
Gerade dieser Umgang mit meinem Antrag ist Beleg dafür, dass sich etwas ändern muss und wir dringend (Weiterlesen – Read On)
17. November 2016
von SchspIN Kommentare deaktiviert für Grimmepreis: 7 Gewerke, 7 Jahre – German TV Award: 7 Departments, 7 Years
7-Gewerke-Check der Nominierungen zum Grimme-Preis 2010 bis 16
Bereits in der Vergangenheit habe ich über die Grimme-Preis-Nominierungen geschrieben, beispielsweise in den Kunst oder Kommerz-Analysen (2012 Stab, 2012 Besetzung, 2013 Stab, 2013 Besetzung).
Warum ist eine Auswertung der fiktionalen Kategorie interessant, dieser zugegebenermaßen kleinen Gruppe von jährlich 14 bis 19 Filmen? Nun, der Grimme-Preis ist gewissermaßen das Äquivalent zum Deutschen Filmpreis, wobei die Fernsehauszeichnungen anders als die Lolas von Juries vergeben geben, denen die Filmliste einer Kommission vorliegt, die wiederum aus allen in ihrer Kategorie vorgeschlagenen Filmen ausgewählt hat. Gleichzeitig sind die Grimme-Preise ein Gegenpart zu den als erfolgreichst geltenden Fernsehfilmen, die über die – leicht dubiosen – Einschaltquoten ermittelt werden. Auf der Seite des Grimme-Instituts heißt es:
Mit einem Grimme-Preis werden Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind. Leitziel der im Grimme-Preis institutionalisierten Fernsehkritik ist eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Fernsehen, das als zentrales und bedeutsames Medium mit vielfachen gesellschaftlichen Bezügen und Wirkungen verstanden wird. In diese kritische Auseinandersetzung sind alle Themen und Formen des Fernsehens einbezogen.
(Hervorhebung durch SchspIN)
Die sieben Gewerke die ich heute untersuche sind Regie, Drehbuch, Produktion, Kamera, Ton, Schnitt und Redaktion (was eigentlich kein Gewerk ist); zusätzlich habe ich die erstgenannten Rollen und die Hauptcasts gendermäßig ausgewertet. Hauptdatenquelle sind die Seiten des Grimme-Instituts, etwaige Teamlücken (manchmal waren alle 7 Positionen aufgeführt, manchmal nur 2 oder 3) wurden über filmportal.de und crew-united.com gefüllt. Ich weiß nicht, wie die Team- und Besetzungslisten auf der Grimme-Seite zustande kommen, vielleicht wurden sie so von den Produktionsfirmen gemeldet.
Von 2010 bis 2016 waren insgesamt 119 fiktionale Filme mit im Hauptcast 614 Schauspieler*innen nominiert, die jährlichen Mittelwerte sind 17 Filme und 116,3 Schauspieler*innen. Die Größe der Hauptcasts schwankt zwischen 3 und 15 (nicht durch zusätzliche Recherche aufgestockt). Im Schnitt werden 6,8 Rollen pro Film genannt.
Fiktionale Grimmepreisnominierungen: Männerübergewicht hinter und vor der Kamera.
Heute geht es um die Fair Pay Initiative für Gerechtigkeit auf dem Gehaltszettel und die Filmbranche, speziell um – ungleiche – Gagen von Schauspieler*innen. Und es geht um Gender Prämien Gap, Gender Pay Gap und Status Pay Gap.
Prolog: Im 23. Jahrhundert – Männer und Frauen, Haupt- und Nebenrollen
Das FairPay Bündnis und die Frage der Transparenz
Gagendisparität in der Filmbranche
Das Gender Positionspapier des BFFS
Epilog: Im 21. Jahrhundert – Männer und Frauen, Haupt- und Nebenrollen
Heute geht es um meinen jüngsten London-Aufenthalt, diverse Treffen mit Filmfrauen und eine neue Unterkunft für Künstler*innen im Nordosten der Stadt. Und es gibt viele Fotos.
London
London ist eine tolle Stadt, die ich früher regelmäßig besucht habe, allerdings leider zuletzt vor mehr als zehn Jahren. Deshalb gab es für mich viel Altes und Neues zu entdecken, und dazu noch die Nachwellen des kurz zuvor stattgefundenen Brexit-Referendums, – wobei in London mit 60 % mehrheitlich pro EU gestimmt wurde. Die meiste Zeit verbrachte ich mit beruflichen oder SchspIN-Treffen, die ja auf ne Art auch beruflich (Weiterlesen – Read On)
Ich bin wiederholt gefragt worden, warum ich seit Februar nicht mehr beim Karaoke in meiner Stammkneipe war. Ein Grund ist die Bekanntgabe der Top 100 deutschen Kinofilme 2015, der Filme mit den meistverkauften Eintrittskarten, durch die Filmförderungsanstalt FFA während der Berlinale. Seitdem werte ich sie in meiner Freizeit in Hinblick auf den Frauenanteil in 12 Gewerken bzw. unter den jeweiligen Hauptverantwortlichen aus.
6- und 12-Gewerke-Check:Die 100 erfolgreichsten deutschen Kinofilme 2015 und ein Vergleich mit den Vorjahren
100 Filme, 12 Gewerke – da sind eigentlich ja nicht so viel Filmleute und sie hätten eine öffentliche Namensnennung allemale verdient (und es würde nebenbei meine Auswertungen erleichtern). Aber sie sind meist in keiner der Branchendatenbanken – filmportal, crew united und IMDB – vollständig zu finden. Manchmal schwingt auch eine gewisse Komik mit, wenn beispielsweise für einen Film die 1. Aufnahmeleitung fehlt, aber Set-AL, Motiv-AL und die Assistenz der – nicht genannten – 1. AL aufgeführt sind. Die meisten Lücken kann ich aber glücklicherweise durch zusätzliche Recherchen auf offiziellen Filmwebseiten oder per Nachfrage bei Produktionsfirmen füllen, und viele Caster*innen-Angaben stehen im Archiv vom casting-network. In manchen Fällen bleiben Felder regulär leer, z.B. Kostümbild oder 1. Aufnahmeleitung bei Animationsfilmen oder Casting bei Dokumentarfilmen. Allerdings gibt es in einigen Fällen dann wieder mehr als einen Eintrag, z.B. bei Produzent/innen und Drehbuch, bei Kamera oder Musik, so dass es am Ende vermutlich mehr als 1.200 Namen sind.
(Die Angaben in Datenbanken und anderen Quellen stimmten übrigens auch nicht immer 100 %ig überein, und trotz sorgfältiger Arbeit kann ich eigene Fehler nicht ausschließen, hoffe aber, dass sie sich in Grenzen halten, denn ich habe alles mehrfach nachgerechnet. Dennoch, alles ohne Gewähr!) Mitten in meinen 2015er Auswetungen dachte ich dann es wäre nett, einen Vergleich zum Vorjahr zu haben, also habe ich nachrecherchiert, denn 2014 hatte ich weniger Kategorien untersucht (Die deutschen Top 100 Kinofilme 2014). Und für die Jahre 2012 und 13 (Komödie statt Krimi – die Top 100 dt. Kinofilme 2012) und Kein Jahr für Regisseurinnen: 2013). habe ich die bisher untersuchten 3 Teampositionen (Regie, Drehbuch, Produktion) auf 6 erhöht.Weiterlesen →
19. Mai 2016
von SchspIN Kommentare deaktiviert für Theatertreffen 2016: Fast Fifty-Fifty – A Gender-Balanced Theatre Festival?
Aktuell, vom 6. bis 22. Mai, findet das 53. Theatertreffen statt, zu dem wie jedes Jahr die zehn bemerkenswertesten Produktionen der Saison im deutschsprachigen Raum nach Berlin eingeladen wurden.
Laut Theaterstatistik des Bühnenvereins gab es in der Spielzeit 2013/14 an 142 öffentlich getragene Bühnen, das sind Staats-, Stadt- und Landestheater, 1.435 Neuinszenierungen. Dazu kommen etliche weitere Bühnen, beispielsweise das Maxim Gorki Theater, die Berliner Volksbühne oder das Berliner Ensemble, die auch öffentlich gefördert werden, und natürlich die Bühnen im deutschsprachigen Ausland. Das bedeutete also ziemlich viele Theaterbesuche für die siebenköpfige Theatertreffen-Jury (1 F6 M), bis sie sich auf die aus ihrer Sicht „zehn bemerkenswertesten“ geeinigt haben. (übrigens cool, dass es (Weiterlesen – Read On)
20. April 2016
von SchspIN Kommentare deaktiviert für Drei mal Drei: Ein Rückblick – Three, Three, Three: Best Of SchspIN
SchspIN: Ein Inhaltsverzeichnis – SchspIN: A Register
English Version in Black – Deutsche Fassung in Blau.
Heute vor drei Jahren, drei Monaten und drei Tagen ging das Blog SchspIN online. Seit dem habe ich 85 Beiträge veröffentlicht. Amzweiten Geburtstaghabe ich eine Zusammenstellung und Kategorisierung gemacht. Heute gibt es eine Aktualisierung. Three years, three months and three days ago today the blog SchspIN went public. Since then I have published 85 texts. On SchspIN’s second birthday I published a categorization of the texts, this is an update.
For readers old and new, here’s looking back on three years, three months, three days’ blogging, in an incomplete and unsorted way. Every text is (Weiterlesen – Read On)
Alles Neue, alles Riskante richtete sich immer gegen die Vorstellung von Qualität, jede neue filmische Bewegung hat sofort gegen die handwerklichen Regeln verstoßen. Jutta Brückner. Drehbuchautorin, Regisseurin, Produzentin. Quelle: Pro Quote Regie
Im Januar habe ich Neropa, meinen Vorschlag für mehr Geschlechter- und Rollenvielfalt auf Besetzungslisten, vorgestellt (Das Besetzungstool Neropa) und seitdem viele Gespräche über diese Methode geführt. Heute werde ich auf einige Gegenargumente eingehen. Außerdem wird es ein Preisausschreiben geben.
Zur Erinnerung: es gibt deutlich mehr Männer- als Frauenfiguren im Deutschen Film, im Deutschen Fernsehen. Die Frauenrollen weisen keine ähnlich breite Streuung (Weiterlesen – Read On)